Wenn man im Nordosten Deutschlands das Oktoberfest zur Sprache bringt und vorsichtig anmerkt, dass man als Exil-Münchner vielleicht darüber schreiben sollte, es sei ja immerhin die größte deutsche Kulturveranstaltung, dann sagen die Kollegen: Nein, das sollte man vielleicht nicht, da könne man ja gleich über den Kölner Karneval schreiben. Diesen "Schwachsinn" verstehe "auch kein normaler Mensch".

Man fährt dann natürlich erst recht hin, aber irgendwie hat man nun so einen komischen Fischgeruch in der Nase. Es wurden Zweifel implantiert.

Immerhin: Man hat jetzt eine gewisse Distanz. Man betritt die Theresienwiese also objektiv wie ein Fernglas und stellt sofort fest, dass München sehr schön und sehr bunt ist. Es blinkt in allen Farben. Auch die Kleidung ist vielfältiger, als man denkt: Es gibt keineswegs nur Landhausmode. Es gibt auch Gebirgstrachten.

Man hat jetzt zwei Möglichkeiten: erst zur Achterbahn oder gleich ins Zelt. Nüchtern betrachtet ist es sicher besser, sich zunächst auf den Bahnen zu verlustieren. Denn wer mit gut gewürztem Kalbsgulasch und der einen oder anderen Mass Bier im Bauch die fünf Loopings der Olympia-Bahn nimmt, hätte sich das Geld für Essen und Getränke auch gleich sparen können.

Nüchterne Betrachtungen des Oktoberfests führen allerdings zu gar nichts, das ist allgemein bekannt. Selbstverständlich begibt sich jeder, der dieses kulturelle Ereignis ernst nimmt, ohne Umweg direkt ins Zelt.

I LOVE YOU!

Dort kommt schnell eine verdrängte Erinnerung zurück: Die singen ja Jürgen Drews! Man sollte nun schnell, aber wirklich ganz schnell, eine Mass Bier bestellen. Denn es wird, so ahnt man nun, nicht lange dauern, bis die ersten Lodenfreunde beginnen, globale Krisenherde zu befrieden ("alle in einen Sack stecken und draufhauen"). Und bis die ersten 23-Jährigen mit offenem Hosenlatz auf der Bierbank stehen und die jungen Frauen am Nebentisch poetisch zu bezirzen beginnen ("I LOVE YOU!").

Bis das Bier kommt, kann man darüber nachdenken, wie hier mit Begriffen umgegangen wird. Das Oktoberfest hat es ja nicht so mit unmissverständlichen Kategorien. Nicht nur ist die Theresienwiese gar keine Wiese. Ein Zelt ist hier auch kein Zelt. Zelt, das klingt nach Steckmodell Nebraska mit Vorbau. Ein Zelt beim Oktoberfest ist ein Flugzeughangar.

Schmuckstück in Wiesnformat © REUTERS/Michael Dalder

Es hat Balkone, Erker, Holzböden. Geschmückt ist es mit mehreren Zentnern Hopfen, Riesenengeln, saufenden Löwen. Innen gibt es 6.000 bis 7.000 Sitzplätze, im Außenbereich 3.000 bis 4.000. Von diesen Raumschiffen gibt es 14 Stück, die kleineren nicht mitgezählt, also die Zelte, in denen es Kaffee, Wein, Bratwurst, Hähnchen, Weißbier, Käse, Brotzeit, Sekt, Knödel, Fisch, Haxn, Kuchen, Tradition und Krankenliegen gibt.

Zugegeben, es ist summa summarum schon ein Riesengeschiss.

Man muss sich, apropos Geschiss, darüber hinaus vorstellen, dass in allen Zelten immerzu Menschen sitzen. 6,3 Millionen waren es vergangenes Jahr. Sie tranken 6,5 Millionen Liter Bier und aßen 500.000 Hähnchen. 2,98 Millionen Kilowattstunden Strom wurden verbraucht. 2.205-mal rückte die Polizei aus.

Also Prost

Nüchtern betrachtet ist dieses Fest also komplett größenwahnsinnig. Und natürlich kann man nachvollziehen, dass sich die protestantischen Norddeutschen ihre ewige Mundwinkelzerrung da nicht nehmen lassen wollen. Wer den ganzen Tag nur freiberufliche Kreativität mit Currywurstsauce zu essen kriegt, rechnet die dick aufgetragene Lebensfreude der anderen verständlicherweise in eigene Pikiertheit um. Ein Glück also, dass man in den Norden gezogen ist, denkt man, als dann wenigstens das Bier kommt, der schlecht eingeschenkte Liter für 10 Euro sonstwas. Man gibt 11 Euro, rechnet das – wozu wohnt man mittlerweile in Berlin? – instinktiv in Schultheiss-Bier vom Späti um (knapp 5,5 Liter). Aber jedenfalls: Prost.

Es ist klar, dass sich die Dimensionen des Fests auf die Atmosphäre auswirken. Nüchtern kann man sagen: Wer ein Oktoberfestzelt betritt und nicht sofort das Gefühl hat, dass hier die mutmaßlich ehrwürdigen Traditionen eines alpenländischen Stammes auf dem weißblau geschmückten Altar dem Mammon als Opfergabe dargebracht werden, der trinkt auch gerne Kaffee auf dem Markusplatz in Venedig. Der feiert seinen Junggesellenabschied in Prag. Der genießt die Sonne am liebsten an S'Arenal in Mallorca. Der kauft Paris-Souvenirs direkt am Eiffelturm. Der geht als Krankenschwester zum Kölner Karneval. Na ja, und der stellt sich auch auf die Bierbank, wenn die Festzelt-Kapelle Wolfgang Petry spielt.

Als um einen herum alle auf die Bank klettern, weiß man endgültig, dass die nüchternen Kollegen aus dem coolen Norden vollkommen recht haben: Das ist ja wirklich alles eine derartige Scheiße, eine weißblau getünchte Folkloristenscheiße. Okay, das Bier läuft schon gut rein, aber ansonsten ist es wirklich creepy. Und wenn nicht die Sitznachbarn wären, die einen an beiden Armen gleichzeitig nach oben ziehen und man nicht Angst hätte, dass man mit einer ausgerenkten Schulter im Sanitätszelt zwischen den ganzen besoffenen Trotteln landet, würde man sich wehren und nie, nie, nie auf diese wackelige Sitzgelegenheit steigen, um zu Wolle Petrys größtem Hit in einer Interpretation des Festblasorchesters Mühldorf am Inn mitzuklatschen.