Vorneweg: Soester gelten als ruhig, ausgeglichen und reserviert. Wenn Sie einen Soester aus der Reserve locken wollen, machen Sie es am besten wie die Radiomoderatoren im Verkehrsfunk: "Auf der A44 kommt es zwischen Sööst und Werl in beiden Richtungen zu stockendem Verkehr." Dann zuckt der Mundwinkel des Soesters, kaum wahrnehmbar, und seine Stirnhaut kräuselt sich. Ein größerer Gefühlsausbruch ist nicht zu erwarten, Soester sind Kummer gewohnt. Schließlich weiß so gut wie niemand um den linguistischen Begriff Digraph und dessen Auswirkungen auf die Aussprache. Der Digraph, umgangssprachlich auch als westfälisches Dehnungs-E bezeichnet, bewirkt, dass Soest ganz einfach Soost [zoːst] ausgesprochen wird. Doch unter diesem Problem leiden nicht nur die Soester. Oder gehören Sie, liebe Lesende, etwa zu der kleinen Minderheit, die Gelsenkirchen-Buer, Itzehoe, Coesfeld und Oer-Erkenschwick unfallfrei aussprechen können?

Der Soester ist also kaum aus der Ruhe zu bringen, er macht wenig Aufhebens um seine Person und kommt schweigend seinen Pflichten nach. Wenn der Soester ausnahmsweise nicht auf seinem Trecker sitzt oder den Stall ausmistet, dann grillt er, mäht den Rasen, säubert die Dachrinne und fährt im Flanellhemd zum Baumarkt, während die Gattin, liebevoll Perle, Ische oder Olle genannt, daheim das Mittagessen zubereitet und bei Bedarf die Kinder bändigt. Abends trinken die Soester dann gerne mal ein Schnäpschen zum Bier – oder umgekehrt. Aber dazu später mehr.

Natürlich stimmen diese Klischees nicht! Höchstens das mit der Bierruhe. Soester sind viel mehr als die Summe dieser Klischees. Zum Beispiel legen sie sich gerne mit Obrigkeiten an. Davon konnte im 15. Jahrhundert der Kölner Erzbischof Dietrich von Moers das eine oder andere Lied singen. Die sogenannte Soester Fehde (1444-1449) war das Resultat der Soester Freiheitsliebe. Man wollte sich vom Kölner Stadtherrn lösen und stattdessen dem Herzog von Kleve Treue schwören. Dabei war es eben jener Erzbischof Dietrich von Moers, der Soest überhaupt erst zu einer der bedeutendsten deutschen Städte aufgebaut hatte. Dieser kühne Vorstoß wurde damals abgeschmettert. Mit dem Ergebnis, dass Soest fortan nur noch von Feindesland umgeben war und sich von einer wohlhabenden Hansestadt in eine landwirtschaftlich geprägte, arme Nichtigkeit wandelte. Der Sturm der Stadtmauer aus dem Jahr 1447 wird trotzdem regelmäßig als Mittelalterspektakel aufgeführt. Geschichte zum Nacherleben und Mitmachen.

In jüngster Vergangenheit waren es allerdings vor allem zwei Vogelarten, die Soest und ihre Bewohner herausforderten. Allen voran die Krähen, die in ihrer Begeisterung über den eigenen Nachwuchs die Stadt mit heiseren, durchdringenden Rufen beschallen. Nun gut, werden Sie sagen, so etwas muss man hinnehmen, das ist die Natur. Nicht so die Soester, die nehmen so etwas nicht einfach hin, schließlich findet im Verhalten der Krähen das westfälische Ruhebedürfnis zu wenig Berücksichtigung. Deshalb will man die Tiere nicht gleich ausrotten, aber doch zumindest an den Stadtrand komplimentieren. Engagierte Tierschützer stellen sich dieser tierischen Gentrifizierung entgegen, organisieren Mahnwachen und Wachposten, die sich unter Bäume stellen und ihren Mitbürgern erklären, wie wichtig Krähen für die Natur sind. Seit einigen Jahren schwelt dieser Konflikt. Leserbriefdebatte reiht sich an Leserbriefdebatte, Beschimpfung an Beschwichtigung an Beschimpfung. Ausgang: offen.

In manch berühmter Legende kämpfen Helden ritterhaft gegen Windmühlen, die Soester kämpfen also gegen Krähen. Oder gegen Pinguine. Ja, Sie lesen richtig: Pinguine sollten im Schwimmbad Aquafun angesiedelt werden, und das seit Jahren defizitäre Spaßbad um eine besondere Attraktion reicher machen. Doch die Soester wollten das nicht. Durch beherzte Bürgerproteste und Mahnwachen konnte die Anschaffung der Pinguine in letzter Sekunde verhindert werden, auch wenn, der Überlieferung nach, einige Kindertränen geflossen sein sollen. Dabei zeigt das Spreewelten-Bad in Bad Lübbenau seit 2008, dass es kein Problem darstellt, Pinguine in ein Schwimmbad zu integrieren. Pinguine sind anspruchslos und freundlich, im Grunde ganz wie die Soester selbst, ihre Haltung ist relativ unkompliziert. Nichtsdestotrotz dürfte der Stadtkämmerer insgeheim aufgeatmet haben.