Seit einer Weile bin ich zu meiner Tochter zuckersüß. Ihren Schreibtisch habe ich ihr aufgeräumt und ihr Bügelperlen hingelegt, dazu buntes Papier und Schere, und sogar die Kiste mit den Klamotten zum Verkleiden wieder aus dem Keller geholt. Schon will das Kind wissen, was vor sich geht. Es ahnt was. Zu Recht. Denn auf unsere Familie rollen die Herbstferien zu, unaufhaltsam und bedrohlich wie eine gewitterblitzende Schlechtwetterfront auf einen Haufen nur nachlässig zusammengekehrter Blätter.

Urlaub ist etwas, auf das wir uns als Familie einigen müssen. Es fühlt sich in der Planung ein wenig an wie Tetris. Fallen Ort und Zeit harmonisch zusammen, haben alle Beteiligten bestenfalls ihren Spaß. Verhakt sich etwas, ist das Spiel schnell aus. Wie in den Herbstferien. Die liegen so unauffällig zwischen Sommer- und Winterferien, dass sie uns jedes Jahr aufs Neue immer erst dann auffallen, wenn es zu spät ist.

Natürlich hätten wir Vorbereitungen treffen sollen. Unsere beiden Mädchen irgendwo anmelden, im Ponyhof oder der Tennishalle, in irgendeinem Camp im Taunus oder weit weg im Harz, was kostet die Welt? Meinetwegen auch in der Nähe, wo wir die Kinder täglich hinbringen und abholen. Klar hätte meine Frau ihre Urlaubstage verballern und ich schon vor Jahren eine attraktive Festanstellung ansteuern können. Haben wir aber nicht.

Praktisch wären jetzt auch Großeltern. Generationen greifen sich günstigstenfalls gegenseitig unter die Arme, nicht wahr? Diese Großeltern sollten allerdings rüstig bis robust sein, weil die Betreuung von zwei Kindern im Alter von vier und sieben Jahren alles andere als ein Kinderspiel ist. Allzu rüstig sollten sie aber auch nicht sein. Meine Schwiegermutter jedenfalls verreist für zwei Wochen ins Piemont, um sich bei Trüffeln und Grappa einen schönen Herbst zu machen. Recht hat sie.

Deshalb werde ich zwei Wochen zu Hause arbeiten und zugleich mindestens eine meiner beiden Töchter beaufsichtigen müssen. Wobei es für den guten Vater, der ich sein will, mit dem Beaufsichtigen nicht getan ist. Die Zweitklässlerin will herausgefordert, ermuntert und gefördert werden. Im Rechnen beispielsweise tun sich Lücken auf, die mir persönlich bekannt vorkommen und beizeiten gestopft werden wollen. Gleichzeitig wollen aber eben auch Texte fertig werden.

Ich bin mein Chef. Mein Chef ist gnadenlos

Als freier Selbständiger habe ich keinen Chef, der mir im Büro eine Spielecke freiräumt, Buntstifte bereitstellt und die Kinder mit Gummibärchen ins Büro lockt. Als freier Selbstständiger bin ich mein eigener Chef – und der ist exakt so gnadenlos wie die Deadlines, die sich in konzentrischen Kreisen um meinen Schreibtisch legen und täglich näher rücken. Und dabei noch wesentlich kulanter als meine Tochter.

Zwar nickt das Kind meine inständige Bitte nach 15 Minuten absoluter Ruhe, die ich für ein Telefoninterview brauche, umstandslos ab. Wenn ich mich aber auf etwas verlassen kann, dann darauf, beim späteren Abhören meiner Ferngespräche mit Musikern über Jazztrompeten oder Wissenschaftlern über Exoplaneten auf sachfremde Einwürfe wie "Papaaa? Der Stecker ist schon in der Dose, wann wird endlich das Bügeleisen heiß?" stoße.

Wenn die Siebenjährige etwas will, will sie es in der Regel sofort. Mit einem "Schatz, echt, ich komme gleich!" ist sie für keine fünf Minuten abzuspeisen. Das lässt sie mich auch spüren. Sie kennt das Tempo, in dem sie meine schlecht geölte Zimmertür zuziehen muss, damit es dieses jämmerliche Quietschen gibt. Sie weiß, wie lange sie im Bad das Wasser laufen lassen muss, damit mir der Kragen platzt. Sie ahnt, dass mich Bibi Blocksberg oder Die Olchis zur Weißglut bringen ("Wir lieben Schlick und Schlamm und Schleim, das Leben kann nicht schöner sein!"). Manchmal genügt schon die hingesummte Titelmelodie von Die Eiskönigin, und schon ist meine Konzentration dahin. Meine Laune auch.

Dabei ist es nicht so, dass ich keine pädagogischen Inseln der Zweisamkeit in den Alltag eingebaut bekäme. Deren eher zufällige Koordinaten sind Redakteuren aber unmöglich zu vermitteln, die gezielt immer dann anrufen, wenn ich aus Kastanien kleine Männchen zu basteln versuche oder bei Memory wegen akuter Zerstreutheit gerade wieder verliere: "Oh, höre ich da Kinder im Hintergrund? Wie süß, ich hab ja selbst auch welche …", was schön ist, aber nicht zielführend, auch wenn mich ein solcher Anruf oft stehenden Fußes wieder zum Schreibtisch zurückführt – mit den üblichen Konsequenzen, die das Kind im Hintergrund daraus zieht.

Ernst hat einen hochroten Kopf

Es hat aber auch seine guten Seiten, wenn der Vater vor der Bugwelle seiner immer weiter aufgeschobenen Arbeit und die Tochter vor den gähnenden Abgründen ihrer Langeweile verzweifelt. Das Kind lernt den Ernst des Lebens kennen, wie er mit hochrotem Kopf und rudernden Armen durch die Wohnung brüllt. Vielleicht wird es sich auch eines Tages an seinen Vater als groteske Kreatur erinnern, die stets gekrümmt und grummelnd vor dem Bildschirm kauerte. Schon bringt es keine gemalten Schlösser mehr an den Schreibtisch, sondern selbstgefaltete Laptops. Und Schilder zum An-die-Wand-Hängen, auf denen "Rüken grade!" steht.

Manchmal wünschte ich dann, ich würde beruflich Motorräder reparieren oder Möbel restaurieren. Dann könnte ich meiner Tochter einen Schraubenzieher in die Hand drücken und sie behutsam in die Geheimnisse meines Metiers einweihen. Stattdessen verrichte ich in lemurenhafter Haltung etwas Rätselhaftes, dessen Ergebnisse keinem Kind plausibel zu machen sind. Manchmal wünschte ich auch, wie meine Frau abends nach erledigter Arbeit abgespannt nach Hause kommen, von einer Welt in die andere wechseln und mich mit Muße den Kindern widmen zu können. Ich hingegen schaffe meine Arbeit nicht, und mein Kind schafft mich.

Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist viel gestritten worden. Herbstferien sind der Praxistest unter Extrembedingungen. Hier kann man Familie und Arbeit wie zwei Fahrzeuge mit Höchstgeschwindigkeit frontal aufeinanderprallen lassen. Was danach noch übrig sein sollte, das taugt wirklich etwas.