Meine Augen sind geschwollen, die Nase verstopft. Eine Erkältung hat mich in festem Griff. Während ich im Geiste die Ungerechtigkeit beklage, meine Umwelt nur verschwommen wahrnehmen zu dürfen, steht mein vollkommen vernünftiger Entschluss fest: Dieser Zustand muss sich ändern, sofort! Der alte Mongole, der mir gegenübersitzt, lächelt verständnisvoll und präsentiert mir die russisch-mongolische Medikation: STO GRAMM. Wirksamkeit bei Erkältungen: garantiert. 100 Gramm Wodka – gewürzt mit einem gehäuften Esslöffel schwarzen Pfeffers. Mein Hals und mein Rachen fangen sofort Feuer. Aber vielleicht doch der Reihe nach.

Um solch ein anregendes Getränk in einmalig schöner Umgebung genießen zu können, fährt man zunächst von Ulaanbaatar, oder auch Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, etwa 900 Kilometer mit einem Allradbus in Richtung Norden. Das dauert zwei ganze Tage. Der Plan: Die Umrundung des zwei Millionen Jahre alten Chöwsgöl-Sees – auf dem zugefrorenen See. Das sind etwa 300 Kilometer, die per Hundeschlitten zurückgelegt werden müssen. Die jüngere Schwester des Baikal-Sees misst 136 Kilometer in der Nord-Süd-Ausdehnung und 36 Kilometer entlang ihrer Ost-West-Achse. Im Winter wird der See von einer etwa 1,40 Meter dicken und geschlossenen Eisschicht bedeckt.

Joel Rauzy, der Hundeschlittenführer, begrüßt uns am Vorabend unseres neuntägigen Abenteuers zunächst allein. Seit über 20 Jahren lebt er bereits in der Mongolei. Obwohl er mit seinen Hunden auch schon auf dem Salar de Uyuni in Bolivien unterwegs war, bleibt die Umrundung des "Blauen Sees" im Norden der Mongolei für ihn immer etwas Besonderes. Es war nicht einfach, die Alaska- und Grönland-Schlittenhunde für solch ein Vorhaben zu trainieren. Ein normaler Husky würde beim Ritt über das Wasser, das sich scheinbar nur wenige Zentimeter unter der Eisdecke befindet, schnell in einen Generalstreik eintreten. Nicht so Joels Hunde.

Pongo, Taro, Giro, Osama, Obama, Aogaga, Nikolai, Karla, AC, DC, Angus, Young, Bowie, Sting, Rudi, Moody, Beck, Clyde, Bonny, Tyson, Def, Zidane, Cocaine, Poppers, Styp, Smart, Chinook, Jazz, Only, Zip, Ginger, Snoopy, Kim, Early, Euro, Roxanne, Winnie, Archie, Chaps, Nanda, Queenie und Nanuk. Also 42.

Schon beim ersten Zusammentreffen mit den Hunden liegt eine beiderseitig neugierige Spannung, eine ungeheure Energie in der Luft. Und ohrenbetäubendes Bellen. Diese Hunde wollen laufen. Rennen. Nördlich des Südufers werden deshalb schnell die Schlitten beladen: Schlafsäcke, Verpflegung, gefrorene, mit Fleisch gefüllte Kuhmägen, Werkzeug und Stahlketten, Kameras, Eisanker, sieben Lagen Gewand pro Person, Wodka und noch mehr Wodka, ein Grill und so etwas wie eine Miniatur-Rakete. Kurz vor dem Start erreicht das empörte Bellen der Hunde Orkanstärke. Bataa, einer der beiden mongolischen Mitarbeiter, hilft mir, meinen Schlitten zu entkoppeln. Mit einem kräftigen Ruck springt der Schlitten nach vorn. Das Bellen wird abgelöst vom beruhigten Gleitgeräusch von Kufen auf Schnee. Es geht los. Wir sind unterwegs in Richtung Norden.

Der Schlittenkonvoi in Richtung Norden © Sebastian Woitsch

Unser Konvoi besteht aus sechs Schlitten. Der Leitschlitten, geführt von Joel und seiner Frau Bainaa, wird von insgesamt zehn Hunden gezogen. Zwei Schlitten mit sieben Hundemotoren und drei Schlitten mit jeweils sechs Hunden folgen. Es ist ein erhebendes Gefühl, auf diesem Schlitten zu stehen. Die Luft ist kristallklar. Die Konturen der sanft vorbeigleitenden und bis zu 3.500 Meter hohen Berge erscheinen schmerzhaft scharf. Ich genieße das Glücksgefühl, gerade jetzt genau an diesem Ort zu sein. In unserem durchterminierten Alltag sind solche Momente selten.

Zwei Stunden später ist das Gleiten auf einmal weniger ruhig. Inzwischen fahren wir über blankes Eis. Immer wieder passieren wir Risse, an denen sich Eisschollen übereinander geschoben haben. Beim Überfliegen solcher Stellen ist vollste Konzentration gefragt. Der Schlitten könnte sich verkanten oder kippen. Ich beginne, in meinem Daunen-Raumanzug zu schwitzen. Kurz darauf treffen uns kräftige Windböen, die vom Ufer her quer über den See fegen. Der Schlitten wird abgetrieben. Ich stehe immer öfter auf der Bremse, um den Schlitten wieder in eine Vorwärts-Position zu bringen. Manchmal helfen alle Fahrmanöver nichts, dann muss ich unter dem verärgerten Gebell meiner Hunde anhalten, den Schlitten wieder in Fahrtrichtung drehen und, als Anschubhilfe selbst losrennend, neu starten.