In dieser Serie testen wir Dinge, die besonders schlechte Kundenbewertungen bekommen. Denn ob Top oder Flop, das ist manchmal nur eine Frage des Blickwinkels.

Reisen ist eine Frage der Einstellung. Man kann sich überraschen lassen. Und man kann sich unterraschen lassen.

Unterraschend ist es, sich in der ausfotografiertesten Stadt der Welt den überhypten Eiffelturm anzuschauen, ein Bauwerk, das merkwürdig vorwahrgenommen und abgenutzt wirkt, so als könnte er zu Staub zerfallen, wenn noch ein einziger weiterer Mensch einen Blick auf ihn wirft. Überraschend kann es sein, die Stadt so zu erkunden, wie es sonst kein Tourist tut.

Haben wir also gedacht, machen wir doch mal was Überraschendes. Holen wir uns den weltschlechtesten Reiseführer, einen, den garantiert sonst keiner kauft, weil die Leute ja nicht bekloppt sind, und befolgen ihn sklavisch.

Das Internet weiß natürlich, welcher Paris-Reiseführer der schlechteste ist. Kein Guide kommt bei den kommentierenden Usern des größten aller Onlinekaufhäuser schlechter weg als der von Dagmar Fedderke, veröffentlicht 1994. Das Buch steht vor allem deshalb ganz hinten im User-Ranking, weil ein einzelner Kommentator es nicht erotisch findet, das aber gleich fünf Mal. Doch Internet ist Internet und Liste ist Liste.

Im Pick-Clops gab es bis vor Kurzem noch ein Lochklo. Mit der Gentrifizierung des Viertels Marais kam: Prunk. © Klaus Raab

Das Buch heißt Pissing in Paris. "Reiseführer" – die Gänsefüßchen gehören zum Untertitel. Und es geht darin allen Ernstes um Toiletten. Um die Toiletten im Café Costes, um die Toiletten in La Rotonde, um die in Chez Marianne, die im Café Terminus du Nord, im Pick-Clops, in Le Pied du Cheval, im Ritz, in Le Procope, in St. Regis, im Madelaine, in der Métro Bastille, in La Baie des Anges und im Goumard Prunier. Es geht in den kleinen Geschichten, die die Autorin rund um die Klo-Besuche strickt, mal darum, dass sie sich aufs Männerklo verirrt. Und mal darum, dass zum Klo eine Treppe führt.

Fiebersumpf und Sündenpfuhl

Wäre man Internet-Nutzer, würde man mindestens fünf Mal fragen, wer so einen Mist lesen soll. Ist man aber nicht, also beantwortet man diese Frage mit: "Na ich!"

Schließlich hat die Toilettenforschung in Paris eine 200 Jahre währende Geschichte und ist somit ein sehr beschreibenswertes Unterfangen. In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts etwa begab sich der Mediziner Alexandre Jean Baptiste Parent-Duchâtelet in die Kloaken der Stadt und durchwanderte sie, wieder und wieder. So versuchte er, Paris zu verstehen und herauszufinden, wo die Cholera herkam. Schmutz bedeutete im 19. Jahrhundert nicht nur Dreck und Unrat, der auf der Toilette am besten aufgehoben ist, sondern war immer auch eine "moralische Kategorie, die auf Unanständiges, vor allem sexuell Anstößiges verweist", wie der Stadtsoziologe Rolf Lindner schreibt. In den Abwässern wollte Parent-Duchâtelet nicht nur den Fiebersumpf lokalisieren, sondern auch den Sündenpfuhl.

In dieser Forschungstradition steht Pissing in Paris; gleich die erste Geschichte jedenfalls handelt von Männern, die sich in Frauenklos ungebührlich entblößen: "Da stand ein Mann mit offener Hose! Ich prallte zurück."

Also sucht man das nächstgelegene der vorgestellten Klos auf, das im Terminus du Nord. Muss ja. Und was soll man sagen: Alles, was im Buch steht, stimmt. Es gibt, wie beschrieben, Spiegel, in denen man sich sogar sehen kann. Zum Klo führen Treppen hinunter. Faszinierend.

Heute ging ich in der Brasserie Terminus du Nord gegenüber dem Gare du Nord aufs Klo. Hinter den Art-Deco-Milchglasscheiben führte eine Treppe nach unten, man kann dabei im Spiegel beobachten, wie es aussieht, wenn man Treppen hinuntersteigt.
"Pissing in Paris", S. 21

Dummerweise geht einem dann aber doch schon nach diesem ersten Toilettenbesuch die Ironie aus. Das Wissen, dass man anschließend noch zwölf weitere über Paris verstreute Toiletten vor sich hat, die man plangemäß zu begutachten hat, nur weil irgendein Typ sich beim Kommentieren auf Amazon vertan hat, lastet schon in diesem frühen Stadium der Recherche schwer auf der eitlen Reisereporterseele. Da ist man mal einen Tag in Paris und tut dann nichts anderes, als beruflich aufs Klo zu gehen? Unter Gräfin Dönhoff wäre das nicht passiert.

Ausrufezeichen! Ausrufezeichen!

Allerdings finden wir von Flopulär ja immer alles gut, was andere schlecht finden. Der alte Flopulär-Trick, den man nur zur Nachahmung empfehlen kann, funktioniert auch in diesem Fall: Man muss sich kurz schütteln und schon ist auch dieses Unterfangen – ganz! toll!

Kein Witz: Pissing in Paris ist eine gute Anschaffung, wenn man damit umzugehen weiß. Man muss Bücher ja manchmal nicht nur lesen. Man muss sie auch befragen. Wenn man das Buch zum Beispiel fragt, ob es sich als Sitzkissen im Kies der Tuilerien eigne, dann sagt es: ja! Und wenn man es fragt, ob man mal ein paar Seiten überspringen kann, sagt es: Aber bitte! Und wenn man es fragt, wo denn jetzt die nächste Toilette ist, dann weiß es das eh.

Von einer guten zu einer Spitzenanschaffung aber wird es, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass es seinen Leser nur auf den ersten Blick von einem Klo zum nächsten schickt. In Wahrheit ist es so, dass es seinen Leser an anderen Dingen vorbeischickt. Vor der Kathedrale Notre-Dame etwa steht eine Schlange, die einmal um die Kirche führt. Wahrscheinlich gibt es in der Umgebung an diesem Tag nur einen einzigen Paris-Besucher, der sich nicht anstellt: den, der lieber aufs Klo im St. Regis will.

Vom Jardin des Tuileries streben alle Menschen früher oder später zum Louvre im Osten oder zu den Champs-Élysées im Westen. Einer nicht, einer ist auf dem Weg nach Norden, zum Hotel Ritz an der Place Vendôme, wo es eine ganz herausragende Toilette geben soll.

Das Klobecken wirkte wirklich wie ein Thron, ein Design-Möbel, nicht aus Steingut, sondern aus Porzellan.
"Pissing in Paris", S. 45

Im Viertel Marais, in dem so gut wie niemand mit durchschnittlichem Einkommen mehr eine Wohnung mieten kann, kauft der ganze Prenzlauer Berg von Paris selbstgemachte Topflappen und Tüddelkleider und wartet anschließend auf einen Sitzplatz im schönen Chez Marianne oder auf den beschäftigten Kellner im Cheval. Zwischen all den bei Airb'n'b-Wohnungen gibt es nur einen Flaneur, der einfach zu den Toiletten durchmarschiert und sich anschließend schleunigst wieder verzieht: mich.

Ich benutze für 50 Cent die öffentliche Toilette im Einkaufszentrum Les Halles – ein Alternativprogramm, weil das berühmte, von Philipp Starck designte Café Costes im Hallenviertel in den neunziger Jahren geschlossen wurde. Und mit ihm "die berühmte Pinkelwand aus glitzerndem Mosaik" (Pissing in Paris).

"Die Frauen sind wie Wetterfahnen, nur der Rost kann sie fixieren." Übersetzung: "Pissing in Paris", S. 65 © Klaus Raab

Ich gehe aufs Klo im Procope, dem 1686 eröffneten ersten Café von Paris. "Im 17. Jahrhundert lasen Molière, La Fontaine und Racine hier aus ihren Werken. Im 18. Jahrhundert planten Marat, Danton, Legendre hier die Französische Revolution. Im 19. Jahrhundert verfassten Hugo, Gauthier und Balzac hier ganze Kapitel ihrer Romane", schrieb DIE ZEIT. Im 21. Jahrhundert ist man dort als Gast nur ein Tourist unter vielen anderen Touristen – es sei denn, man geht auf die Toilette: Darin ist man ganz allein mit einem Bonmot von Voltaire.

Es handelt sich bei all den getesteten Toiletten nicht um verkleidete Raumschiffe, geheime Nutzgärten oder Zugänge ins Zaubereiministerium wie bei Harry Potter. Sondern tatsächlich um Klos. Schüsseln, Klositze, Deckel. Und doch fühlt sich die Besichtigungstour zunehmend an wie die Erstbesteigung von Paris. Millionen von Touristen kommen Jahr für Jahr in die Stadt. Doch Pissing in Paris macht möglich, was der Lonely Planet nie hätte ermöglichen können: eine wirklich individuelle Reise. Sollte man an dieser Stelle dafür vielleicht einmal Danke sagen? Nein. Man muss.

Das Beste: Die Toiletten sind alle Weltklasse.

Bewertung der Bewertung: ★★★☆☆