Sehnsucht lässt sich gut beim Kofferpacken ausleben. Das gilt für Verliebte sowieso, trifft aber auch auf Streithähne und Steuerflüchtlinge zu. Nehmen wir Noel Gallagher, Sänger der Band Oasis, Mitte der 90er-Jahre: Nach einem Riesenzoff mit seinem Bruder Liam verlässt er Oasis während ihrer ersten großen Übersee-Tour. Steigt einfach aus. Er hat den ganzen Zimt satt, die Streitereien, die Diskussionen, Amerika, den Konzertalltag. Stattdessen sehnt der Gitarrist sich nach Ruhe – und nach ein bisschen Rausch. Also packt er seinen Koffer. Einmal One-Way nach Vegas, bitte.

Noel Gallagher lässt sich vom Tourmanager seinen Reisepass aushändigen und fliegt in die Wüste Nevadas. Irgendwo zwischen dem Strip mit seinen eigenen Eskapismus-Gesetzmäßigkeiten und dem geräuschdämmenden Teppich in der Suite eines Luxuscasinos schreibt er den Song "Talk Tonight", diese kleine, gar nicht Oasis-protzige Minibar-Melancholie. Ein Meisterwerk.

Oder nehmen wir die Rolling Stones. Seit Auflösung der Beatles im Jahr 1970 die wahrscheinlich größte Band der Welt. So groß, dass diverse Behörden, vor allem das Finanzamt, zu jener Zeit zu den hartnäckigsten Anhängern der Gruppe gehörten. Was die Bandmitglieder wiederum weniger lustig fanden. Deshalb schlugen sie kurzerhand die sprichwörtlichen Zelte in Frankreich auf, um das Steuersparen in sicherer Entfernung zu Großbritannien zu kultivieren.

Im Keller von Keith Richards’ Bleibe, einer 16-Zimmer-Villa an der Côte d'Azur names Nellcôte, nahm die Band den Großteil ihres Albums "Exile On Main Street" auf. Bei Veröffentlichung kam das Werk bei Fans und Kritikern nicht sonderlich gut weg, inzwischen gilt das Doppelalbum für viele Musikexperten als das beste Stones-Album aller Zeiten. Südfrankreich und dem Finanzamt sei Dank.

Und das sind nur zwei von sehr vielen Beispielen, in denen aus einem inneren Bedürfnis (sei es der Drang nach Ruhe, Abgeschiedenheit oder Steuerfreiheit) Kunst an einem besonderen Ort entsteht. Was aber in beiden Fällen die Frage aufwirft, wer oder was den Sound einer Band prägt. Sind es tatsächlich die Umstände oder womöglich der Ort der Handlung? Und noch einen Schritt weiter gedacht: Kann bestimmte Musik nur an bestimmten Orten entstehen?

Mit genau diesem Thema beschäftigt sich jetzt ein neues Buch: In "Sound Of The Cities" gehen die beiden Autoren Philipp Krohn und Ole Löding der These nach, dass Städte einen besonderen Einfluss haben auf das Werk von Musikern. Der Untertitel Eine popmusikalische Entdeckungsreise reißt ungefähr an, was einen auf den 400 Seiten erwartet: Eine Art Reiseführer durch 24 Städte, die als Beleg herhalten sollen, warum genau dort ein spezieller Sound geprägt wurde.

Das Buch ist kein klassischer Städteführer, man findet keine Anfahrtsbeschreibungen, keine Fährfahrpläne oder Tipps, wo es unweit von Lennons Geburtshaus die besten Zimtschnecken gibt. Die Autoren tauchen vielmehr in die Musikhistorie der jeweiligen Stadt ein und sprechen mit Leuten aus den aktuellen Szenen vor Ort, um herauszufinden, warum der Mersey Beat beispielsweise nur in Liverpool entstehen konnte, TripHop nur in Bristol, Grunge nur in Seattle und so weiter. 

Ohne Frage gibt es Orte, die Kreativität anziehen wie ein Magnet. Wenn in Los Angeles, wo sich auf dem Weg zum nächsten Casting Verheißung und Realitätsverlust immer über den Weg laufen, am Ende des Tages dieser orangene Ball ins Meer fällt, kann man den angehenden Sternchen den unbedingten Willen zum Erfolg kaum ausreden: Heute hat’s nicht geklappt mit der Karriere, morgen geht die Sonne wieder auf, vielleicht wird das dann eben mein Tag. Veni, vidi, abwarten.

Die Theorie sieht so aus: Wenn die Ideen und das Umfeld stimmen, ein bisschen Talent hinzukommt, wird man schon entdeckt. Und in der Praxis gibt es dann wunderbar banal klingende Beispiele. Wie das von Berry Gordy. Der zunächst ein gerissener, später ein ganz schön abgebrühter Geschäftsmann war. Gordy stammt aus Detroit. Er hatte ein bisschen Geld als Songschreiber verdient, als er auf die Idee kam, der boomenden Autostadt Anfang der 60er das Erfolgsmodell abzugucken: Er zerlegte den Prozess des Songschreibens in seine Einzelteile, genau wie Ford und Chrysler ihre Fahrzeuge, und ließ fortan Fließbandhits in Serie produzieren. Das ist unter anderem der Grund, warum Motown aus der Motor City und nicht aus Montabaur kommt.

Trotz solcher Geschichten, die mit großer Akribie und Detailliebe gesammelt wurden, kann auch Sound Of The Cities die bekannte Henne-Ei-Problematik nicht für die Leser beantworten: Wer war zuerst da, Morrisseys Weltschmerz oder Manchesters Wetter? Sind die Smiths Produkt der grauen Tristesse Nordenglands? Oder ist es für die Städte im Nachhinein einfach, sich mit den Bands zu schmücken, die womöglich viel eher durch Eltern, Geschwister, Kindheit geprägt wurden?

Im Grunde: piepegal. Macht das Buch kein bisschen schlechter. Die Beweisführung für die Genre-Entstehungsthese ist dann auch der einzig mühsamere Teil in diesem Buch. Am Ende ist es unerheblich, ob TripHop ausschließlich aus Bristol stammen konnte. Viel spannender ist es, Musikgeschichte anhand äußerer Bedingungen zu beschreiben: Was war da los im Ratinger Hof in Düsseldorf Anfang der 1970er, warum wird aus der aus England herüberschwappenden Beat-Welle kurze Zeit später dieser bahnbrechende Sound? Da ist die Frage, wer zuerst da war, Düsseldorf oder das Genie der Kraftwerk-Mitglieder, und wer schlussendlich wen befruchtet hat, nebensächlich.

Wer Popkultur und Musik liebt, findet hier in den unzähligen Interviews mit ehemaligen wie aktuellen Protagonisten und Musikern (sowie den speziell zusammengestellten Playlisten für jeden der 24 Orte) eine prallgefüllte Truhe an Geschichten, Querverweisen und Plattenläden-Tipps für die nächste Städtetour. Bei den heißesten Anekdoten gilt natürlich: immer ein bisschen was abziehen, Rock’n’Roll unterliegt schließlich der Pflicht der eigenen Legendenbildung. Dabei spielt es auch keine Rolle, wer vom Dorf kommt und wer aus der Stadt.