Ein alter, vergammelter Palazzo, die Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden. Ein Pianola aus den zwanziger Jahren, Matritzen mit Liedern von Herzweh und Leid. Staub in den Schnörkeln verschlissener Möbel. Und dann: auf einer hohen Kommode das Grammophon! Jeder kennt es, der den Film "Il Postino" (Der Postmann) gesehen hat. Das Grammophon, auf dem der heimwehkranke Pablo Neruda immer wieder denselben Tango abspielte, "Madreselva", das Lied von der Geißblattlaube, gesungen von Carlos Gardel. Wegen dieses Grammophons sind wir mit Clara die abgetretenen Stufen hinaufgestiegen, in den Salon, wo es jetzt steht - leider ganz stumm und eingerostet, das ist das Problem.

Doch auf diesen Inseln im tiefsten Sizilien weiß man sich immer zu helfen. Clara zieht ihr Handy heraus, auf dem sie die Oscar-preisgekrönte Themenmeldodie des "Postino" aufgezeichnet hat. So steht sie dann, und hält ihr Handy in die Luft, und da klingt sie durch diesen surrealistischen Raum, die süchtig machende kleine Bandoneonmelodie. Der Professor Seija aus Messina nimmt die Kochkurs-Schülerin Claudia aus Argentinien in den Arm, und beide schweben über die modigen Teppiche, unter denen die Amerika- und Australien-Abteilungen des Emigrationsmuseums von Armut und Lebensmut vergangener Generationen erzählen.

Clara mit dem Handy, das ist Clara Rametta, die Besitzerin des Hotels Signum, die aus einem verfallenen Teil von Malfa auf Salina das wohl schönste Hotel des Archipels gemacht hat. Ich kenne kein Hotel auf der Welt, das sich so perfekt in eine alte, gewachsene Dorfstruktur einfügt wie das Signum, und sicher ist das so, weil die würfelförmigen Häuser größtenteils schon vor Jahrhunderten gebaut waren - und weil sie von Clara komplett unkitschig und traditionell restauriert und eingerichtet wurden, am Fuße eines zottigen, grün bewachsenen Vulkans, inmitten von Zitronengärten, Kapernfeldern, Malven und Palmen, und mit einem sensationellen Blick auf das Meer, über dem im Dunst die Kegel von Stromboli und Panarea schweben.

Während Clara sinnenfrohe Kapernfeste mit Symposien über die "Zukunft der Kaper" organisiert und ein "Jazz unter Sternen"-Open-Air plant, herrscht ihr Mann Michele Caruso im Signum über das Reich der Küche. Jeden zweiten Vormittag stehen wir pünktlich und stolz in gestärkten, weißen Schürzen auf der Vier-Sterne-Terrasse mit dem Hunderttausend-Sterne-Blick bereit, bis er uns an den Herd holt, auf eine Reise in die ganz alten Zeiten von Salina, als die Leute noch zaubern konnten und aus einfachem Hartweizenmehl und heißem Wasser die feinste Pasta rollten, walzten und schnitten. Als man aus dem Fischfang des Tages mit einer Handvoll Kapern, sonnenreifen Tomaten und wildwachsenden Kräutern die feinsten Raviolifüllungen bereiten konnten, und all das nach Rezepten seiner Großmutter - und nach seinen eigenen Gesetzen von Leichtheit, Reinheit und "Mittelmeerigkeit".

Kein Wunder, dass Micheles Rezepte inzwischen in den besten Gourmet-Magazinen von Tokio bis Sydney auftauchen, und ebenfalls kein Wunder, dass sich der hartgesottene DOC-Salinese davon nicht im Geringsten korrumpieren ließ. Eine Woche lang musste ich Michele bearbeiten, damit er ganz, ganz ausnahmesweise in einen Kochkursus für DIE ZEIT REISEN einwilligte. Aber jetzt ist er selbst hingerissen von der Begeisterung, mit der hier ein BWL-Professor, zwei Apotheker, ein Arztehepaar, eine EU-Bankerin, eine Lehrerin, und die Frau eines Chemikers, der selbst lieber lesend im Garten sitzt, im Teig kneten, im Sugo rühren, Auberginen aufschlitzen und Mandeln für die Fischbällchen schälen. Ach, und alles, was wir da produzierten, gelang unter Micheles geduldiger Anleitung, und als wir dann mittags selbst für uns auftischten, auf der Terrasse unter der Weinlaub-Pergola, da sah das Ganze aus wie für eine echte sizilianische Großfamilie - und genau so fühlten wir uns auch.

Schon nach den ersten beiden Tagen suchten einige der Kochschüler nach "geeigneten Häusern", und jeder von uns träumte von einem anderen Leben auf Salina, wo wir Tag für Tag neue Bekanntschaften schlossen mit Kapernbauern, mit Malvasia-Winzern und Olivenöl-Produzenten, mit Wirten und Baristas, und einer Caféhaus-Besitzerin in Santa Marina, die so ekelhaft war, dass wir auch an ihr unsere helle Freude hatten.