Bei meiner ersten Begegnung mit Hans Kammerlander war ich dem Zusammenbruch nah: Puls 174, durchgeschwitzt und völlig fertig, stützte ich mich auf meine Skistöcke. Es war der 25. April 1999 und es regten sich starke Zweifel in mir, ob die Idee wirklich so gut war, ausgerechnet mit dem zu der Zeit erfolgreichsten Alpinisten und Extremskifahrer der Welt auf Skitour zu gehen. Während ich mich dem K.O. nahe wähnte, legte mein Vordermann im dichten Schneefall federnden Schritts die Spur weiter bergauf. "Du musst weitergehen, immer weitergehen," hatte Hans gesagt, "auch wenn Du glaubst, es geht nicht mehr". Und es ging. Und es wurde ein guter Tag, trotz dichten Schneefalls und Nebels - auch wenn es nichts wurde es mit dem versprochenen Panoramablick auf die Berge seiner Heimat rund um das Tauferer Arntal in Südtirol und auch wenn wir wegen eines heranziehenden Gewitters die Tour vorzeitig abbrechen mussten. Aber nach einer herrlichen Geländeabfahrt durch die Tannen wurde es dann ein langer Abend, der für alle Widrigkeiten des Tages entschädigte - mit vielen Berggeschichten, reichlich Speck, Käse und dem einen oder anderen "Hefele", wie Kammerlander sein geliebtes Weizenbier zu nennen pflegt. Seit diesem bemerkenswerten Tag haben sich unsere Wege oft gekreuzt.

Kammerlander ist der einzige unter den großen Bergsteigern, der seine zwei großen Leidenschaften in den Bergen ideal und in Perfektion kombinieren kann: das Bergsteigen und das Skifahren. Bereits mit sieben Jahren stand der Schuhmachersohn von einem kleinen, abgelegenen Bauernhof im Arntal auf seinem ersten Berg: Es war der Große Moosstock, der sich 3.059 Meter hoch über sein Heimatdorf erhebt. Dieser Anlass, die Schule zu schwänzen, sollte sein weiteres Leben bestimmen. Die Berge wurden zu seinem Traumziel und der Fluchtmöglichkeit aus der Enge des elterlichen Bauernhofs. Nach seiner Ausbildung zum Berg- und Skiführer und vielen erfolgreichen Gipfeltouren in den Alpen arbeitete er als Bergführer in Reinhold Messners Alpinschule Südtirol, der ihn 1983 einlud, ihn zum Cho Oyu im Himalaya zu begleiten, Kammerlanders erstem Achttausender.

Es war der Beginn einer bislang einmaligen Seilschaft. Auf sieben Achttausender kletterten die beiden gemeinsam. Als sich Messner nach der Besteigung aller 14 Achttausender neuen Herausforderungen stellte, gelangen Kammerlander weitere Höchstleistungen, begleitet von Triumphen und Tragödien. Ihm gelang 1990 nach der Besteigung des Nanga Parbat die erste tollkühne Skiabfahrt hinunter ins Basislager und vor zehn Jahren die erste Skiabfahrt vom Mount Everest, nachdem er in nur 17 Stunden allein vom Basislager auf den Gipfel gestiegen war. Überschattet wurde dieses Ereignis von der Tragödie, bei der zwölf Bergsteiger ihr Leben ließen und die von Jon Krakauer in dem Bestseller "In eisigen Höhen" beschrieben wurde. Bei 13 Achttausendern will Kammerlander es belassen. Einzig der Manaslu fehlt im Gipfelbuch. Dort erlebte 1991 er sein größtes Trauma, als binnen weniger Stunden zwei seiner besten Freunde tödlich verunglückten.

Bis heute zieht es ihn jedes Jahr in sein geliebtes Nepal, wo er mit inzwschen mehr als einer Viertelmillion Euro neun Schulen und Waisenhäuser gebaut hat. Nächstes Jahr wird er zum dritten Mal versuchen, am 7.350 Meter hohen Jasemba eine Erstbegehung zu schaffen. Zweimal ist er gescheitert, 2007 will er am Gipfel seinem Freund Lois Brugger gedenken, der in diesem Jahr dort sein Leben ließ. Viele seiner Freunde hat er am Berg verloren. Dass Kammerlander bis heute überlebte, liegt an seinen herausragenden Fähigkeiten und einer überlebenswichtigen Erkenntnis: "Das wichtigste im Leben eines Bergsteigers ist das Umkehrenkönnen". Dem Wissen, wie schnell das Leben von einer Sekunde auf die andere vorbei sein kann, mag auch seine ansteckende Fröhlichkeit entspringen - und sein Lebensmotto "Du musst jeden einzelnen Tag genießen" ist ansteckend.

Es sind deshalb auch nicht die großen Herausforderungen an extremen Steilhängen in fernen Ländern, aus denen er seine Kraft schöpft und anhand derer er sich täglich neu motiviert. Er freut sich ebenso über die strahlenden Augen eines Gastes, den er auf einen seiner Lieblingsgipfel in den Dolomiten geführt hat. Und wenn er nach dem Abstieg mit seinen Gästen oder Freunden bei einem Glas Rotwein und Tiroler Speck zusammen sitzt und Zoten erzählt, ist die Welt für Hans Kammerlander in Ordnung. So wie in der kleinen Bar "La Stua" in Wolkenstein Anfang Februar, wo wir mit unserer ZEIT-Skigruppe nach erfülltem Skitag einkehrten. Jeder in der Bar kennt Hans Kammerlander, zumindest die Einheimischen und auch viele Gäste, von denen viele immer wieder ins Grödnertal zum Skifahren kommen. Geduldig schreibt der Alpinist Autogramme auf Bierdeckel, Zettel oder schon mal ein T-Shirt, um sich dann wieder ganz seiner Gruppe zu widmen. Und wieder einmal sind es die Ziersser, die "Ostfriesen Südtirols", die bei einem Schwank als Opfer herhalten müssen.

Am 6. Dezember wird Hans Kammerlander 50 Jahre alt. Stellvertretend für alle ZEIT-Reisenden, denen er unvergessliche Erlebnisse in seinen Bergen ermöglicht hat - sei es auf Skiern oder in Wanderstiefeln - gratulieren wir vorab ganz herzlich. Wir freuen uns auf viele weitere gemeinsame Reisen. Bernd Loppow