Gut 22 Kubikmeter groß ist die Wohnung der Biederbecks: genug Raum zum Schlafen, Toben, Essen, Spielen und Kochen. Eine Postadresse gibt es nicht, aber über E-Mail und Satellitentelefon können Familie und Freunde mit Daniela (38), Thilo (40) und Christine (2) in Kontakt treten. Wo immer sie gerade sind. Und das kann exotisch sein: Polen, die Slowakei, die Ukraine, Russland, der Kaukasus und die zentralasiatischen Länder wie Kirgisien, Usbekistan und Kasachstan säumten bereits die Reiseroute der Biederbecks, die sie von Recklinghausen aus rund um die Welt führen soll. Nach einem „Abstecher“ zum sibirischen Baikalsee geht es allerdings erst einmal wieder gen Heimat. Um Enkelkind und Großmütter zu vereinen sowie die nächsten Visumsangelegenheiten für Amerika zu klären.

Zurück zum Anfang. Wie kommt es, dass eine junge Familie aus ihrem Leben ausbricht? „Ich habe bisher keinen Tag meiner Ferien zu Hause verbracht“, erzählt Thilo Biederbeck, der Schnellredner der Familie. „Daniela und mich verbindet die Liebe zum Reisen. Gemeinsam waren wir früher viel mit dem Motorrad unterwegs, in Lateinamerika, Afrika, Asien und natürlich Europa.“ Nach dem Einstieg in die väterliche Möbelfirma wurde die Selbstständigkeit für den Betriebswirt jedoch bald zur Last. Trotz steigender Kosten und wachsender Konkurrenz musste der Laden am Laufen gehalten werden, das Büro schien die kostbare Lebenszeit aufzufressen. Für Thilo eine einfache Entscheidung: „Alles verkaufen und den Firmenstandort als Einnahmequelle vermieten – das war unsere Chance auf ein arbeitsfreies Leben“. Arbeitsfrei – für seine Frau Daniela ist das noch nicht klar. „Ich liebe meine Arbeit und bin zur Zeit nur beurlaubt“, ergänzt sie die Ausführungen ihres Mannes.

Gestartet sind Biederbecks in Recklinghausen mitten im Ruhrgebiet. Mittlerweile haben sie mit der „Magellan II“ bereits 15.000 Kilometer zurückgelegt. Der für 100.000 Euro angefertigte 10-Tonner vom Typ Iveco Tector ist ein Alleskönner mit Vierradantrieb, und die Familie ist froh darum. Von außen betrachtet, erinnert seine Kastenform an einen zu groß geratenen Geldtransporter. Noch irritierender: Die Fenster, die hundertwassergleich ins Metall des Transporters eingearbeitet sind, werden vom stabilen Fahrgestell und den dicken Reifen konterkariert. Doch diese machen Sinn: Die Straßen in Zentralasien sind anspruchsvoll, und kratergleiche Schlaglöcher zollen ihren Tribut.

Die Anforderungen der Passagiere allerdings halten Schritt: Allein 450 Liter Wasser sind als Reserve mit an Bord, dazu kommt die Inneneinrichtung inklusive Gefriertruhe, Waschmaschine und Computer sowie eine ganze Tasche voller Mitbringsel. Deren Masse kann es zwar nicht mit dem Rest der Ladung aufnehmen, doch schlägt ihr ideeller Wert umso mehr zu Buche. Spontane Einladungen von fremden Gastfreunden können mit einer „biederbeckschen Spezialität“ gewürdigt werden: Ob Kugelschreiber oder Wecker, alles ist mit Namen und Anschrift versehen. „In Usbekistan sind wir drei Tage von der Familie eines Lastwagenfahrers beherbergt worden, der uns zuvor durch sein Land begleitet hatte“, berichtet Thilo. „Wir wissen manchmal gar nicht, wie wir all diese Gastfreundlichkeiten zurückgeben sollen“, fügt Daniela hinzu. „Ich bezweifle, dass die Deutschen sich Ausländern gegenüber so hilfsbereit verhalten“.

Ein bizarres Erlebnis hatten die drei in Kirgisien. Eine Reifenpanne zwang sie zu einem Stopp im Nirgendwo. Der Ersatzreifen mit seinen 120 Kilo ist ein solcher Brummer, dass Thilo und Daniela Schwierigkeiten haben, ihn für den Wechsel in Stellung zu bringen. Zum Glück hält ein Auto neben ihnen, und die Männer, die bereitwillig mit anpacken, machen zum Schluss flugs ein Erinnerungsfoto, schenken der Familie ein Brot und düsen davon. Drei Wochen und 800 Kilometer später: Thilo Biederbeck schlängelt sich durch die staubigen Straßen von Karakol und ergattert einen Parkplatz direkt neben dem Markt. Neben ihm stoppt ein hupender und gestikulierender Kirgise seinen Wagen. „Nicht schon wieder Ärger“, denkt Thilo und steigt aus seiner Autoburg. Der aufgeregte Mann zeigt ihm ein Foto. „Das gibt’s doch nicht, wie komme ich auf dieses Bild?“, denkt Thilo. Der Pannenhelfer hatte das Auto wiedererkannt und freute sich wie ein Schneekönig, dass er Thilo das Erinnerungsfoto präsentieren konnte.

Kirgisien wartet nicht nur mit wundersamen Zufällen auf; es hat noch wesentlich mehr zu bieten. Besonders die Berglandschaft überwältigt die Biederbecks. Der höchste Gipfel des Tian-Shan, so heißt das mächtige Gebirge an der Grenze zu China, ragt 7439 Meter über dem Meeresspiegel in die dünne Luft. „Wir sind Bergmenschen“, sagt Daniela. „Besonders eindrucksvoll waren für mich die kirgisischen Bergwiesen mit blühenden Enzianen, Edelweiß und gelbem Mohn. Ich kenne gar nicht alle Namen, so viele waren es!“ Sie meiden die großen Städte und nutzen die Mobilität ihres Wohnmobils, um sich in den Weiten der zentralasiatischen Natur zu verlieren. „Wir übernachten am liebsten fernab der Zivilisation“, erzählen die beiden. Ihr exotischster Schlafplatz? Das Hochplateau Ustjurt, eine Wüste zwischen dem Kaspischen Meer und dem Aralsee. „Einen herrlichen Sternenhimmel gab es dort zu sehen“, schwärmen sie.