„Wohin?!“ fragte der Angestellte in Thomas Cook’s Londoner Reisebüro ungläubig, „in den Londoner Osten, dem East End?“ – nein, da konnte er dem amerikanischen Touristen nicht weiterhelfen, dorthin führten keine Reisegruppen, und obwohl sein Reisebüro im Herzen der Londoner City eigentlich nur einen Steinwurf vom East End entfernt lag, konnte er dem Touristen auch keinerlei Wegbeschreibungen geben. Der amerikanische Tourist – der Journalist und Schriftsteller Jack London, der seine Erfahrungen im Londoner Elendsviertel, dem East End, unter dem Titel The People of the Abyss im Jahre 1903 veröffentlichte – war ratlos; offenbar hatte sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, während von London aus die äußersten Erdwinkel erkundet und ins Britische Empire einverleibt wurden, im eigenen Hinterhof der Metropole ein undurchdrungener Dschungel gebildet, der selbst für die weitgereisten Mitarbeiter von Thomas Cook ein weißer Fleck auf der Landkarte war.

Mit Beginn der Industrialisierung und dem Aufstieg Londons zum Welthafen hatte sich der östliche Londoner Stadtrand und die Wohngebiete um die Docks zu einem fast klassischen urbanen Slum entwickelt, verewigt und mythologisiert in den Zeichnungen von Gustave Duré, den Erzählungen von Charles Dickens oder der Hysterie um Jack the Ripper, der hier im Jahre 1888 mindestens fünf Prostituierte brutal ermordete. Der Osten stand schon immer, wie in vielen anderen europäischen Großstädten auch, synonym für den armen Teil der Stadt, während der West End für Reichtum steht – der Ostwind ist wohl Schuld daran, denn im Westen blieb die Oberschicht unbeläßtigt vom Gestank der Armen. Unterschichten, wie auch Industrieanlagen, wurden hingegen gerne im Osten angesiedelt. Der Londoner East End war nicht nur Heimat der Armen, sondern auch stets die erste Siedlungsstätte für die Wellen von Immigranten und Flüchtlingen aus aller Welt, die im Hafen der Metropole eintrafen: Flämische Protestanten im sechzehnten Jahrhundert, französische Hugenotten im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, osteuropäische und später deutsche Juden im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, und zuletzt aus dem schwindenden Britischen Weltreich in Asien Einwanderer aus dem heutigen Bangladesh, aus Pakistan und Indien, welche zugleich auch die letzten Gruppen von Einwanderern waren, die anfangs noch per Schiff kamen, bevor der expandierende Flugverkehr und die für den Themsehafen zu großen modernen Schiffe den einstigen Welthafen verkümmern ließen.