Favelas heißen die gelben Blumen, die besonders gut auf Müllhaufen gedeihen. In den „Favelas“, den Slums von Rio de Janeiro, lebt jeder fünfte Einwohner der Stadt. die Armensiedlung der Rocinha (sprich: Rossinja) reicht vom Hügel bis an die Luxusappartements am Atlantik heran.

„Jeep-Tour“, eine alternative Reiseagentur in Rio de Janeiro, bietet Touristen eine Führung durch den berüchtigten Slum. Das Motiv ist ehrenwert: Den Ruf der Slumbewohner verbessern. „Höchstens zwei Prozent sind Gangster. Hier leben ganz normale Arbeiter, die niemand fürchten muß“‚ behauptet Bela Catarina Pinto, die 41-Jährige Chefin der Reiseagentur Jeep-Tour. 30 Dollar kostet ihr dreistündiger Ausflug – das gibt Profit. „Deutsche Touristen sind auf soziologische Feldforschung aus. Italiener buchen aus Lust am Abenteuer“, sagt die Brasilianerin.

„It's safe‚ it's nice“‚ beschwört Bela gerade eine Gruppe junger Touristen. Sechs Brasilien-Reisende aus den USA und Frankreich‚ die kurz vor der Abfahrt im Jeep die Angst vor der eigenen Courage überfällt. „Ich mache nur mit‚ weil mein Mann da hin will“‚ stöhnt die blonde Ann aus New York. Die Sorge‚ die voyeuristische Tour mit einem schlechten Gewissen zu bezahlen, ist groß. Frederique, ein 29-jähriger Banker aus Paris, hofft „dass der Rundgang keine Safari wird“.

Als der grüne Jeep am Fuße der Favela stoppt, stinkt es nach Gulli. Bei 35 Grad Hitze gärt Küchenmüll in den Containern. Alle halten versteckt den Atem an, während Bela ganz Stadtführerin, das Drama unzureichender Kanalisation ausmalt: Jeder heftige Regenguß spült Unrat und Abwasser an den Strand von São Conrado hinunter.

Der Rocinha-Berg ist steil. In höheren Lagen nur über Treppen und roh zementierte Pfade zu begehen. Von nun an zu Fuß auf Erkundung, registrieren die Touristen, dass der Slum, Drecksecken ausgeklammert, insgesamt sauberer wirkt als erwartet. Zur ihrer Überraschung liegt keinerlei Feindseligkeit in der Luft: Zwei zerlumpte Männer‚ die für ein paar Münzen Bierdosen zum Recycling vom Boden aufklauben‚ winken unbefangen Willkommen: „Tudo bom – alles klar?“‚ fragt Bela. Viele Schultern tätschelnd, läuft sie durch das Gassen-Gewirr voran. „Es ist wichtig‚ mit offenem Herzen anzukommen und jedem ins Gesicht zu blicken“‚ erklärt sie: „No problem. I know anybody here.“

Unfreiwillig isoliert, freuen sich die meisten Rocinha-Bewohner über Besuch. Der Gedanke, dass am „Arme-Leute-gucken“ etwas Perverses haften könnte, liegt ihnen fern: „Für uns ist das Interesse der Europäer eine Ehre“‚ so Anibal, der Chauffeur der Touris. Der 29-Jährige ist hier aufgewachsen: „Ich zahle keine Miete und habe eine tolle Sicht auf das Meer“. Schlimm fände er, „wenn den Gästen etwas Hässliches auffallen würde“. Seine Freunde denken genauso. Gibt es auf der Straße einmal Streit‚ heißt es sofort: „He, benehmt euch, da kommen doch die Gringos.“