Für einen Psychologen habe ich einen ungewöhnlichen Berufsweg eingeschlagen. Ich behandle nicht nur Patienten in der Psychotherapie, sondern schreibe Bücher und Artikel und gebe Interviews zu psychologischen Themen wie Eifersucht, Einsamkeit und Depression. Früher habe ich außerdem psychologische Seminare geleitet. Zusammen mit meiner Partnerin führte ich ein Ausbildungszentrum, in dem ich anderen Kollegen die therapeutische Methode, nach der ich arbeite, nahegebracht habe. 

Ursprünglich wollte ich Medizin studieren. Weil aber mein Notendurchschnitt dafür nicht ausreichte, schrieb ich mich in Psychologie ein. Doch statt etwas über Menschen und Psychologie zu erfahren, wurde ich mit Statistik konfrontiert. Die Enttäuschung war groß. Ich hatte immer Probleme mit Mathematik gehabt. Trotzdem habe ich nie bereut, Psychologie zu studieren. Es war sehr spannend und abwechslungsreich. Auf meinen späteren Berufsweg hat mich das Studium allerdings wenig vorbereitet. Alles, was ich heute brauche, habe ich mir nach dem Studium in Form von Therapieausbildungen und Selbststudium angeeignet. 

Ich wäre heute nicht derselbe, wenn ich nach meinem Studium der Psychologie nicht für ein halbes Jahr nach Amerika gegangen wäre. Nachdem ich zwei Jahre in einer Mannheimer Klinik für Alkoholabhängige gearbeitet hatte, um mir den Aufenthalt an der Universität von Kentucky zu finanzieren, erfuhr ich dort bei einem Spezialisten eine sehr praxisorientierte Ausbildung. Von morgens bis abends nahm ich an Therapien teil, schaute mir Videobänder von Sitzungen an und tauschte mich mit dem Professor darüber aus. In dieser Zeit habe ich wesentlich mehr praktische Erfahrungen gesammelt als in deutschen Ausbildungen. Jeder Student sollte die Chance nutzen, im Ausland bei einem Spezialisten zu hospitieren. Das erweitert den Horizont, man sieht, wie verschiedenartig Menschen mit Problemen umgehen. Im späteren Berufsleben kann man selten eine Auszeit nehmen. 

Auch als Autor war der Professor mein Vorbild. Eigentlich wollte ich mein erstes Buch nicht selbst herausbringen. Als aber mehrere Verlage den Ratgeber ablehnten, finanzierten meine Frau und ich ihn selbst. Das lief gut, wir gründeten einen Verlag und geben bis heute alle unsere Bücher selbst heraus. Die Ratgeber unterscheiden sich nicht von dem, was ich in Einzelsitzungen meinen Patienten an Lösungswegen mitgebe. Sie sind lediglich eine andere Form der Vermittlung. Grundlegend sind die Gespräche mit Menschen, die bestimmte Probleme haben. Nur so weiß ich, ob gewisse therapeutische Strategien helfen.   Es ist schön zu sehen, wie unglückliche Menschen durch die eigene Hilfe allmählich Hoffnung schöpfen und ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Es gibt aber auch Patienten, denen man als psychologischer Therapeut nicht helfen kann. Dann ist es manchmal schwer, sich nicht als Versager zu fühlen.

Manchen Kollegen fällt es schwer, die Schuld nicht bei sich zu suchen. Das heißt nicht, auf Selbstkritik zu verzichten. Der Therapeut macht immer nur ein Angebot: Er kann Lösungsmöglichkeiten aufzeigen und Menschen auf einem neuen Weg unterstützend begleiten. Gehen muss der Mensch aber allein.  

Aufgezeichnet von Carola Padtberg