Für meine Doktorarbeit forsche ich in der forensischen Psychologie, der Rechtspsychologie. Da geht es zum Beispiel um Augenzeugenidentifikation und welche Fehler ein Zeuge macht, der unter sechs Leuten jemanden identifizieren muss. Zum anderen geht es in meiner Arbeit um die Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen: Wie beurteile ich, ob jemand lügt? In Deutschland sind Lügendetektoren vor Gericht als Beweismittel nicht zugelassen. Es gibt aber einen zugelassenen Kennzeichenkatalog, der sich auf den Wahrheitsgehalt von Aussagen bezieht. Er ist die Grundlage für psychologische Gutachten, die ich für Prozesse erstelle.

Bei den Verhandlungen selbst muss ich nicht anwesend sein. Ich bekomme vor Prozessbeginn die Akte zugeschickt und interviewe den fraglichen Zeugen. Meist sind es Kinder, die sexuell missbraucht wurden. Dafür nehme ich mir viel Zeit und wende bestimmte Interviewtechniken an, die man im Studium der forensischen Psychologie erlernt. Danach macht das Opfer eine zweite Aussage, und mithilfe des Kennzeichenkataloges analysiere ich, ob der Zeuge die Wahrheit sagt. Vielleicht hat das Kind nur etwas ähnliches im Fernsehen gesehen oder sich heimlich die Pornos der Eltern angeschaut? Ist es in seinem Alter schon in der Lage, bewusst zu lügen? Auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Augenzeugen irren, liegt bei 50 Prozent – egal, wie sicher sich der Zeuge ist. Unser Gedächtnis trügt uns oft und vergisst Details. Das ist ein ganz natürlicher Gedächtnisprozess. 

Lüge und Täuschung, richtig und falsch – das grundlegende Thema „Gerechtigkeit“ macht für mich die Forensik so spannend. Ich möchte Menschen helfen, die schlecht behandelt werden. Manchmal sind es Opfer, manchmal auch Täter, die zu unrecht angeklagt werden. Da gibt es viel zu tun. Manchmal ist es allerdings eine einsame Tätigkeit. Wenn ich in meinem Büro über einem Fall grüble, macht die Gedankenakrobatik zwar Spaß, doch ich kann mich mit niemanden darüber unterhalten. Ich bin zur Verschwiegenheit verpflichtet, außerdem fehlt meiner Umwelt das Verständnis, wenn es zum Beispiel darum geht, einen Pädophilen zu analysieren. Man ist mit dann mit den Gedanken über einen bösen Menschen allein. 

Nach meinem Abitur wollte ich nicht Psychologie studieren und ging zunächst in den Gehobenen Dienst beim Finanzamt. Damals fand ich Psychologen unheimlich – ich dachte, sie könnten durch einen hindurchschauen. Erst mit 23 hat sich die Abneigung in Interesse verwandelt. Das Grundstudium ist für alle Psychologie-Studenten gleich – erst im Hauptstudium spezialisiert man sich auf Klinische Psychologie, Arbeitsorganisation, Forensik oder Wirtschaft. Ich habe dann mein Studium schnell durchgezogen und bekam anschließend von meinem Professor eine Stelle angeboten. Seitdem bin ich halbtags an der Universität angestellt und bringe Studenten bei, wie man wissenschaftlich arbeitet, Aufsätze liest und Literatur recherchiert. Außerdem leite ich zwei experimentelle Praktika, in denen Studenten zum ersten Mal ein Experiment designen, durchführen und auswerten.  

Wer Psychologie studieren will, dem rate ich zu dem Buch „Anwendungsfelder der Psychologie“ von Hellmuth Benesch . Dort ist aufgezeichnet, in welchen Berufsfeldern Psychologen arbeiten und womit sich die einzelnen Disziplinen des Fachs befassen. Studienanfänger sollten sich in der Schule außerdem um Englisch bemühen. Die meiste Forschungsliteratur kommt aus englischsprachigen Ländern und ist für Studienanfänger manchmal nicht leicht zu verstehen. Auch in Deutsch sollte man ganz gut sein, denn man schreibt viele lange Hausarbeiten und hält Referate darüber. Mathematik finde ich nicht so wichtig – Statistik an der Uni ist etwas ganz anderes als Matheunterricht in der Schule.

Aufgezeichnet von Carola Padtberg