Wie beschreiben sie ihren Beruf einem Wirtschaftslegastheniker?
Ich arbeite als so genannter "Senior Research Economist" am "Institute for Fiscal Studies" in London und erforsche die Effekte des Steuersystems und der öffentlichen Ausgaben auf Individuen und Firmen. Am einfachsten lässt sich das durch ein paar typische Fragen veranschaulichen, mit denen ich mich beschäftige: "Führen höhere Steuern dazu, dass die Leute weniger arbeiten? Wandern Firmen ins Ausland ab, wenn dort die Steuern niedriger sind? Führt das dazu, dass irgendwann alle Länder Steuern auf Gewinne abschaffen müssen? Und - wäre das gut oder schädlich?"

Was haben Sie studiert?
Ich habe in England Volkswirtschaft studiert, an der Uni Bristol und der London School of Economics. Zwischendrin war ich für ein Semester in der französischen Stadt Poitiers. Inzwischen promoviere ich nebenbei, auch in VWL. Es muss aber nicht immer so geradlinig sein. Viele erfolgreiche Ökonomen haben zunächst mit Mathematik, seltener auch mit Geschichte oder Politik begonnen. Ein Auslandssemester oder- jahr ist in jedem Fall sehr empfehlenswert, vor allem im englischsprachigen Raum, weil die gesamte aktuelle Forschung auf Englisch publiziert wird.

Sie legen großen Wert darauf, Volkswirt zu sein und kein Betriebswirt – was genau ist der Unterschied?
Etwas verkürzt gesagt, beschäftigen sich Betriebswirte damit, wie man möglichst gut einen Betrieb führt. Das ist also eine Vorbereitung für Manager-Berufe. Für Volkswirtschaft gibt es unzählige Definitionen, aber eine bekannte besagt, das sie sich mit "Knappheit" beschäftigt. Da fast alles auf dieser Erde knapp bemessen ist, von den natürlichen Ressourcen bis zu unserer Lebenszeit, kann sich ein Volkswirt also praktisch mit allem beschäftigen. Zum Beispiel mit der Frage warum es Arbeitslosigkeit gibt, wie und wie sehr die Umweltverschmutzung bekämpft werden sollte, wie viel Geld wir für die Rente sparen sollten.

Was für Möglichkeiten gibt es für Volkswirte außerhalb der Wissenschaft?
Volkswirte werden in allen Behörden benötigt, die wirtschaftlich relevante Entscheidungen treffen, also die Finanz- und Wirtschaftsministerien, die Europäische Zentralbank, die Institutionen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und viele internationale Organisationen, wie die Weltbank. Die Privatisierung von großen marktbeherrschenden Unternehmen, wie der Post, Bahn oder Elektrizitätswirtschaft, hat auch viele neue Jobs für Ökonomen geschaffen. Und zwar sowohl auf der öffentlichen Seite, bei den Organen, die diese Industrien überwachen, als auch bei den kontrollierten Unternehmen, die Beratung benötigen und Gutachten, um sich gegenüber ihren Kontrolleuren zu verteidigen.

Auf welchem Weg Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
Ich habe mich einfach nach dem Studium bei meinem jetzigen Arbeitgeber beworben. Am besten ist es aber, schon während des Studiums Praktika zu machen oder an der Uni als Assistent zu arbeiten. Angehenden Volkswirten kann ich Praktika bei internationalen Organisationen und in den Bundesministerien (vor allem BMWA, BMF, BMZ) empfehlen. Ich habe Praktika bei der Lufthansa und der Schweizerischen Bankgesellschaft gemacht. Die haben mich zwar nicht auf meinen jetzigen Beruf vorbereitet, aber viel dabei geholfen, herauszufinden was ich machen (und nicht machen!) möchte.

Gerade haben Sie die russische Steuerreform untersucht, was genau haben Sie da gemacht?
Russland hat im Jahr 2001 die Einkommenssteuer extrem gesenkt und vereinfacht, so dass dort jetzt ein Steuersatz von 13 Prozent gilt, unabhängig von der Höhe des Einkommens. Trotz dieser Steuersenkung sind daraufhin die Einnahmen aus der Einkommenssteuer stark gestiegen. Ich habe mit Kollegen am Internationalen Währungsfonds (IWF) untersucht, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen beidem besteht, zum Beispiel weil niedrige Steuern zu höherer Steuerehrlichkeit und Arbeitsmotivation führen. Diese Vermutung hat sich allerdings nicht bestätigt und es scheint, dass die hohen Steuereinnahmen andere Ursachen als die Steuersenkung hatten. Um das herauszufinden haben wir, vereinfacht gesagt, die russische Bevölkerung in Gruppen eingeteilt, die mehr oder weniger von der Reform profitiert haben. Dabei hat sich gezeigt, dass diejenigen, deren ursprünglicher Steuersatz bereits ungefähr 13 Prozent betrug, am meisten zu den erhöhten Einnahmen beigetragen haben. Da sich für sie aber so gut wie nichts geändert hat, kann auch kein kausaler Zusammenhang bestehen.

Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag aus?
Eigentlich immer wieder anders. Als erstes schaue ich morgens nach, was es für Post gibt und lese in der Zeitung, ob etwas geschehen ist was meinen Bereich betrifft. In solchen Fällen rufen bald Journalisten an, auf deren Fragen ich vorbereitet sein muss. Wenn aber nichts Besonderes los sein sollte, setze ich mich an eine meiner Forschungsarbeiten. Im Frühstadium heißt das, Bewerbungen für Fördergelder schreiben, und bei weiter fortgeschrittenen Projekten arbeite ich meist am Computer mit Daten. Bei den fast fertigen Projekten schreibe ich die Ergebnisse zusammen. Abwechslung im Alltag bieten immer wieder internationale Konferenzen, bei denen man seine Ergebnisse mit anderen Forschern austauschen und neue Kontakte knüpfen kann.