Alle reden von China. Warum eigentlich?

Wenn man bei Google das Stichwort "China" eingibt, spuckt die Suchmaschine 60 Millionen Ergebnisse aus. Davon sind allein 13.000 Zeitungsartikel der letzten Tage. Dort liest man Wörter wie "China-Fieber", "Asienboom" und "Spekulationswelle". Alles scheint dort drunter und drüber zu gehen. Was aber genau ist denn nun so wichtig an China?

Etwa jeder vierte Mensch auf der Welt lebt in diesem Land der Umbrüche. Das sind 1,3 Milliarden Menschen, mehr als in jedem anderen Land der Welt. Aber das ist nicht der Grund, warum China nun so mächtig und in aller Munde ist. Denn zwei Drittel der Chinesen leben nach wie vor als arme Bauern auf dem Land und bekommen vom Wirtschaftsboom nichts mit. Lange Zeit war China ein armes Land ohne großen Einfluss. Die Führer mussten vor allem dafür sorgen, dass sie die Bevölkerung ernähren, ihnen warme Kleidung für den Winter und ein Dach über dem Kopf verschaffen - alles andere war für sie zweitrangig. Dies galt auch für die seit 1949 herrschende kommunistische Partei, die bis Ende der 70er-Jahre jegliche Modernisierungsversuche unterdrückte.

Nach wie vor gibt es in China nur eine Partei und keine Demokratie wie wir sie kennen. Die Menschen sind immer noch nicht frei, und die Rechte des Einzelnen sind nicht viel wert. Doch damit die Politiker weiter für so viele Menschen sorgen können, haben sie dem Land einen unvorstellbaren wirtschaftlichen Aufschwung verordnet. Nun sprießen in jeder Stadt gigantische Hochhäuser und Einkaufszentren aus dem Boden. China baut überall neue Fabriken und braucht massenhaft Eisen, Stahl, Kohle und Öl. Diese Rohstoffe muss die Volksrepublik aus allen Teilen der Welt aufkaufen - und das treibt die Weltmarktpreise hoch. Millionen von Menschen in China wollen plötzlich eine eigene Wohnung haben und Auto fahren. In Shanghai wurde für 317 Millionen Dollar die größte Formel-1-Strecke der Welt gebaut - obwohl die meisten Chinesen gar nicht wissen, was Autorennen sind. Schrotthändler in Deutschland werden plötzlich reich, weil in China so viel von ihrem alten Stahl gebraucht wird. Auch Öl und Kohle sind deswegen überall auf der Welt teurer geworden. Durch diese rasante und plötzliche Nachfrage können europäische und amerikanische Firmen nun viel Gewinn machen - oder ihre Firmen gleich ganz nach China verlegen. Denn dort müssen die Menschen für viel weniger Geld arbeiten und haben noch weniger Rechte bei ihrem Arbeitgeber. Eine Kokerei aus Dortmund ist zum Beispiel nach China gezogen ( DIE ZEIT 40/2004 ) - denn China braucht Stahl, und um Stahl herzustellen, braucht man Koks. Für den Umzug haben chinesischen Arbeiter die Fabrik einfach eingepackt: 16 Monate lang zersägten sie 35.000 Tonnen Stahl und verschifften sie in Kisten und Containern.

Auch die nächsten Olympischen Spiele finden 2008 in China statt, in Peking. Bis dahin soll die Hauptstadt ihr graues, sozialistisches Image der Vergangenheit loswerden. Überall drehen sich Baukräne und knattern Presslufthämmer und die Menschen wollen Englisch lernen, damit sie von den Olympischen Spielen möglichst viel mitkriegen. Manche Experten sagen, China wird in den kommenden zehn Jahren ein dritter Global Player sein - die wichtigste Region der Welt neben den USA und der Europäischen Region. Doch das Finanz- und Bankensystem in China ist ziemlich marode. Manche prophezeien deswegen dem rasenden Rausch des schwindelerregenden Wirtschaftsbooms auch einen jähen Crash wie vor vier Jahren, als an der Börse die Internetspekulationen platzten.