Sie sind kein Mediziner, arbeiten aber bei "Ärzte ohne Grenzen. Was machen Sie da?
Zu meinen Aufgaben gehört es, Bestellungen zu schreiben und zu verschicken, den Transport der bestellten Güter und die Annahme im Projekt zu überwachen, gegebenenfalls das Fehlen bestellter Güter zu reklamieren und nachzuforschen, wo sie geblieben sind. Auch die fachgerechte Lagerung und die Verteilung der Güter an die Intensivstation, Administration oder Werkstatt fallen mir zu.
Ein weiterer Aufgabenbereich ist die technische Unterstützung des Projektes. Ich überwache und koordiniere den Fuhrpark, kümmere mich um die Energieversorgung sowie um die Instandhaltung und den Aufbau unserer Gebäude, die Wasserversorgung und Entsorgung jeglicher Art von Abfall und Abwasser. Ich bin außerdem zuständig für sämtliche Reinigungstätigkeiten und für die Kommunikation: die Funkstationen, Satellitentelefone und die Instandhaltung der Computer. Ich trage dabei die Verantwortung für das mir zugeteilte Personal des Projektes, wie Fahrer und Bauarbeiter.
Zusammen mit dem Projektkoordinator versuche ich, bei Unstimmigkeiten zwischen einzelnen Mitarbeitern eine Lösung zu finden und gemeinsam wickeln wir auch die Buchführung ab. Zudem sind wir zuständig für die Sicherheit. "Ärzte ohne Grenzen" hat ja oftmals Projekte in unsicheren Gebieten. Wir müssen daher im Notfall schnell reagieren, um die Sicherheit von Mitarbeitern, Patienten, Material und Daten garantieren zu können.

Was haben Sie gelernt?
Nach dem Abitur habe ich eine technische Lehre als Industriemechaniker absolviert und ein paar Monate in dem Beruf gearbeitet. Ich bin dann zehn Monate lang nach Asien gereist und habe danach mit dem Studium angefangen. Nach zwei Semestern Orientierung habe ich mich für den Studiengang "Regionalwissenschaften Südostasien" mit Ausrichtung auf Entwicklungszusammenarbeit entschieden. Neben dem Studium habe ich mehr als drei Jahre in einer kleinen Baufirma gejobbt. Angefangen habe ich als Bauhelfer mit Steine schleppen, Schaufeln und Beton mischen. Am Ende hatte ich mich zum "Fachwerker Hochbau" hochgearbeitet. In den Semesterferien bin ich oft nach Asien und einmal nach Südamerika gereist, was für die Bewerbung bei "Ärzte Ohne Grenzen" sehr positiv war.

Auf welchem Weg sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
Ich habe an einem "Tag der offenen Tür" im Bonner Büro von "Ärzte Ohne Grenzen" teilgenommen und fand das ziemlich spannend. Danach habe ich ein recht positives Informationsgespräch mit einem Mitarbeiter der Personalabteilung geführt, um herauszufinden, ob sich Leute mit meinem Hintergrund für die Mitarbeit bei der Organisation überhaupt eignen. Ich habe mich beworben und wurde zu einem schriftlichen Logistikertest mit anschließendem Bewerbungsgespräch eingeladen. Nach der Auswertung wurde mir mitgeteilt dass ich in den Auswahlkatalog aufgenommen werde. Als nächstes wurde ich zu einem zweiwöchigen Vorbereitungskurs eingeladen. Als in einem Projekt in Sierra Leone ein Logistiker mit meinen Fähigkeiten gesucht wurde, hat mich die Personalabteilung angerufen und ich bin wenige Wochen später nach Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, geflogen.

Das war Ihr erste Einsatz - wie haben Sie sich gefühlt?
Der erste Monat in Sierra Leone war stressig. Nachdem mein Vorgänger das Projekt verlassen hatte, musste ich selbst klarkommen. Ich kann mich noch sehr gut an meinen ersten Arbeitstag allein erinnern: Ich stand in meinem Büro und dachte bei mir:" So, und was jetzt?". Ich habe einen Plan für die nächsten Wochen aufgestellt, alles nach Wichtigkeit geordnet und mit meinen Mitarbeitern besprochen. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten stellte sich dann mehr und mehr Routine ein. Irgendwann hatte ich morgens eine recht klare Vorstellung davon, was am Tag erledigt werden musste. Doch häufig passierte etwas Unvorhergesehenes und so wurde mir immer klarer, dass Flexibilität eine der wichtigsten Eigenschaften eines jeden Projektmitarbeiters sein sollte.
Als meine Kollegen beispielsweise eines Tages Reparaturen an einigen Gesundheitszentren machen mussten, die mehrere Stunden von unserer Basis entfernt in einem recht schwierigen Gebiet mitten im Dschungel lagen, brach ihnen unser einziger Pick-Up-Truck zusammen. Ein Teil an der Vorderachse war gebrochen. Ich selbst war in der Basis geblieben, wurde über Funk informiert und musste alles stehen und liegen lassen, um das Ersatzteil zu suchen, einen fähigen Automechaniker zu finden und ihn mit einem Motorrad zum Truck zu schicken. Die Reparatur sollte an Ort und Stelle erledigt werden. Das klappte aber nicht, und der Mechaniker kam unverrichteter Dinge zurück. Wir entschieden uns, gemeinsam mit einem zweiten Geländewagen zurückzufahren und den Truck nach Hause zu ziehen. Zwei Tage später kamen wir dann tatsächlich mitten in der Nacht wieder zurück in die Basis: mit kaputten Wagen, vollkommen dreckig, nass und ausgelaugt - besonders der Fahrer des Pick-Ups, der mittlerweile vier Tage im Dschungel ausgeharrt hatte. Glücklicherweise legte die Regenzeit in den Tagen darauf eine kleine Pause ein, so dass wir wenigstens noch alle Dächer der Gesundheitszentren reparieren konnten, bevor sie aufgrund des Regens für ein paar Wochen vollständig von der Außenwelt abgeschnitten sein würden. Trotz des ganzen Stresses waren diese zwei Tage im Regenwald, der seinem Namen durchaus Ehre machte, eine der schönsten Erinnerungen, die ich aus Sierra Leone mitgebracht habe.

Sie arbeiten vor allem in Krisenregionen. Gibt es Momente, in denen Sie verzagen?
Natürlich gibt es Momente, in denen man glaubt, alles wächst einem über den Kopf, wie in jedem anderen Beruf auch. Oder es gibt Momente, in denen man verzweifelt, wenn Patienten, besonders Kinder, nicht überleben und wir sie nur noch begraben können. Andererseits gibt es gerade in diesem Bereich die tollsten Erfolgserlebnisse: Wenn Patienten in sehr schlechtem Zustand zu uns kommen und es trotzdem schaffen, gesund zu werden, ist das schon toll. Einem solchen Menschen zum Abschied die Hand zu schütteln und ihm oder ihr viel Glück für die Zukunft wünschen zu können, das würde ich als eines der schönsten Erfolgserlebnisse beschreiben, die dieser Job zu bieten hat – und von dem ich auch noch zehren kann, wenn es mal wieder schlechter läuft.