Der Zollbeamte fragt den älteren Türken vor mir: "Sind Sie nicht Herr Solmaz?" "Ich habe nichts zu verzollen" antwortet der Mann mit einem leichten Akzent. "Nein, ich wollte wissen, ob Sie Herr Solmaz sind?" "Ich habe Ihnen gesagt: Nichts zu verzollen." entgegnet der Mann etwas verunsichert. "Entschuldigen Sie, das habe ich verstanden" sagt der Zollbeamte, "ich wollte doch nur wissen, ob Sie Herr Solmaz sind, der Vater von Mesut." Dieses Mal hat der Mann es verstanden und antwortet erstaunt: "Ja, ich bin der Vater von Mesut" "Ich bin mit Mesut zur Schule gegangen,"sagt der Zollbeamte jetzt, " ich war sogar mal bei Ihnen." "Achso, du bist also mit meinem Sohn zur Schule gegangen." Sie reden darüber, was Mesut jetzt so macht und ich warte und denke: So ist es hier. Immer noch glauben diese Menschen, daß die einzige Frage, die ihnen der Beamte stellen könnte, die nach den zollpflichtigen Gütern ist. Ist aber der Kontakt erstmal hergestellt, ist man sehr schnell beim Du. Sieht es wirklich so aus? Was verbirgt sich hinter den Worthülsen von multi – oder interkultureller Gesellschaft? Was bleibt übrig, wenn man das Sozialarbeitergerede und die rechten Parolen außer acht läßt? Wie sieht eigentlich der türkisch-deutsche Alltag aus, wenn es ihn denn gibt? Und vor allem: Warum werde ich das immer wieder gefragt? Und warum wäre ich auch verärgert, wenn man mich nicht fragen würde?

Es gibt begabte junge Schauspieler türkischer Abstammung in Deutschland, denen bis vor kurzem eigentlich immer wieder bei gleichen zwei Rollen angeboten wurden: Drogendealer oder älterer Bruder, der die Ehre der Schwester retten muß. Manchmal auch beides in einer Figur. Manchmal komme ich mir ein wenig so vor wie diese Schauspieler; ich werde oft gefragt, ob ich nicht einen Artikel zum Themenkomplex der Migration beisteuern möchte, doch andere Anfragen kommen kaum, obwohl ich professioneller Schreiber bin. Aber dann wiederum denke ich: Wer soll es sonst tun? Wer soll diese Artikel sonst schreiben? Es würde mir nicht gefallen, wenn es jemand täte, der möglicherweise ein Außenstehender ist. Außerdem habe ich sehr viel mehr Freiheit als diese Schauspieler.

Es ist wie immer, es gibt ein einerseits und ein andererseits, die einen sagen so, die anderen so und ich am liebsten beides. Fast jedes Mal, wenn ich mich mit meinem Vater unterhalte, verstehe ich, was sich in den letzten vierzig Jahren in diesem Land verändert hat. Man konnte ja nicht mal Obst und Gemüse kaufen, erzählt mein Vater, Knoblauch war kaum zu finden, Melonen gab es nur scheibenweise, der Händler konnte keine Quitte von einer Kaktusfeige unterscheiden, einfach, weil er beides noch nie gesehen hatte. Ich habe immer grinsend zugesehen, wenn die Deutschen sich die allergrünsten Bananen ausgesucht haben. Es gab in den sechzigern und siebzigern nicht nur kaum Moscheen, es war für die Moslems überhaupt sehr schwer die Gebote ihrer Religion zu erfüllen, die beinhalten, das man zum Opferfest ein Lamm schächtet. Das führte dazu, das auf dubiosen Wegen besorgte Tiere in Badewannen von Mietshäusern geschlachtet wurden. Heute ist das –typisch deutsch? – gesetzlich geregelt, unter bestimmten Auflagen und unter Aufsicht von Veterinärmedizinern können offiziell Lämmer geopfert werden. Das sind unauffällige Beispiele. Was man direkt sieht sind die Dönerbuden, die Kassettenläden, aus denen arabeske Musik dröhnt, die Autokorsos, beim Sieg der Nationalmannschaft, die mittlerweile ja gerne von Deutschen nachgeahmt werden, die Import-Exportläden, die Juweliere, die Restaurants. Doch die Migranten der zweiten und dritten Generation sind in allen möglichen Berufen anzutreffen, Kurierfahrer, Kinderarzt, Konditor, Kriminalbeamte, Kindergärtner. Sie bilden keine homogene Gruppe mehr wie die erste Generation, sind deswegen nicht so leicht zu vereinnahmen und können die Einflüsse ihrer Herkunftskultur besser streuen. So weit, so gut. Man könnte sich fast zurücklehnen und glauben, daß Integration nicht nur ein Wort ist und daß die Dinge sich zum Guten hin entwickeln. Wäre da nicht noch dieses Andererseits. Neulich saß ich aufgrund einer Verwechslung in einem Polizeiauto und als die Beamtin erfuhr, daß ich türkischer Abstammung bin, sagte sie: "Sie sprechen aber gut deutsch." Ich wohne jetzt schon über 29 Jahre in Deutschland und es ist nicht mehr lustig, wie oft ich schon diesen Satz gehört habe. Was soll das heißen? Daß man es mir nicht zutraut in diesem Zeitraum eine Sprache zu erlernen? Und was entgegnet man in einem solchen Fall? Ich habe gesagt, was ich immer sage: "Das tun wir alle. Wir sprechen alle sehr gut deutsch. Das Problem ist, daß immer nur die ins Auge fallen, die es nicht tun. Die anderen bemerkt man gar nicht." "Aber die Türken, mit denen ich zu tun habe ..." begann die junge Frau und ich unterbrach sie: "Die Türken, mit denen Sie zu tun haben, sind nicht repräsentativ." Und bei all dem weiß ich genau, daß es unter den Migrantenkindern der dritten Generation immer noch welche gibt, die weder die eine noch die andere Sprache beherrschen. An schlechten Tagen, würde ich ihre Eltern am liebsten schlagen dafür, daß sie ihren Kindern die Chance des sprachlichen Ausdrucks nicht geboten oder vorenthalten haben. Aber es stellt sich auch die Frage, wer Schuld ist an der Ghettoisierung, die solche Phänomene begünstigt. Aber was ist denn repräsentativ? Es gibt einen deutschen Musiksender, der VJs verschiedener ethnischer Herkunft beschäftigt, nach amerikanischem Vorbild, also am liebsten einen Afroamerikaner oder Asiaten, etwas Exotisches. Ich habe erst einen türkischstämmigen VJ gesehen. Wo sind die kroatischstämmigen, die Griechen, die Italiener, das sind doch die Menschen, denen man so gerne ein südländisches Temperament und ein flottes Mundwerk nachsagt. Wenn ich meine tägliche Realität mit der der Medien vergleiche, komme ich unweigerlich zu dem Schluß, daß Migranten komplett unterrepräsentiert sind. Sie mögen kochen können, gastfreundlich sein, wissen wie man eine Hochzeit richtig feiert, aber wir wollen sie nicht auch noch im Fernsehen haben, als Moderatoren oder gar Nachrichtensprecher. Und dann soll man sich nicht so vorkommen wie ein bloßer Folkorelieferant, der die Aufgabe hat, diese Gesellschaft hier zu bereichern, bunter zu machen. Aber nur dort, wo es gewünscht wird. Es hat nichts mit Völkerverständigung oder Begegnung der Kulturen zu tun, wenn jemand gerne gefüllte Weinblätter ißt oder schon mal Baklava gekauft hat, dem ich aber jedes Jahr aufs neue erklären muß, daß in der Fastenzeit, im Ramadan, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts gegessen und nichts getrunken wird. Nein, nicht mal ein Schluck Wasser. Ich glaube nicht, daß es notwendig ist, so etwas zu wissen, aber ich weiß, daß Einkaufen beim Türken auch nur eine Form von Konsum ist. Wenn wir uns mit Menschen beschäftigen, muß die Frage lauten: Was passiert, wenn deine Tochter etwas mit dem Sohn des Gemüsehändlers hat? Erzählst du dann immer noch davon, wie schön es ist, daß man dort auch nach Ladenschluß noch was bekommt? Und wenn jemand von seinem Türkeiurlaub schwärmt und von der Gastfreundschaft der Menschen dort, dann wird da wohl etwas dran, so oft, wie ich das schon gehört habe. Aber es ist seltsam, daß hier die Menschen als gastfreundlich gelten, von denen man selbst oft genug im Urlaub abgezockt wird. Noch ein letztes Beispiel: Ich kenne eine Hauptschullehrinnen türkischer Abstammung, die selber von ihrer Lehrerin auf die Hauptschule geschickt wurde mit den Worten: Semra ist zu dumm für die Realschule. Und nun unterrichtet Semra selber, auch das ist ein Stück Realität und es läßt mich hoffen. Auch wenn ich mir nicht ausmalen möchte, wieviel Kampf und Kraft es diese Frau gekostet hat, dorthin zu gelangen.

Ein Jahr später, wieder am Zoll in Deutschland, ich komme gerade aus der Türkei und der Zollbeamte fragt: "Istanbul'da havalar nasıldı?" Ich mache den Mund auf und wieder zu und stammle eine Antwort. Daß mich der Zollbeamte in einem türkisch, das er nur von seinen Eltern gelernt haben kann, nach dem Wetter in Istanbul fragt –damit hatte ich nicht gerechnet.