Ans Licht gebracht, verschleppt, gezeichnet, vermessen, kopiert, verändert, gefälscht, zerstört: antike Hinterlassenschaften hatten seit ihrer Entdeckung in Mittelalter und Renaissance ganz verschiedene Schicksale. Auch der Zugang der Renaissance-Künstler war zunächst einmal alles andere als systematisch. Nachdem die Antiken als solche erkannt und damit einer vorbildhaften Kultur erfolgreich zugeordnet waren, begann in der Auseinandersetzung mit ihnen ein kreativer Prozeß, der mit dem Begriff der „Nachahmung“ allein nur unzureichend beschrieben ist. Das vorrangige Interesse der Epoche lag nicht in der exakten Übertragung in die eigene Zeit – dies gilt selbst für die späteren Klassizismen nur in eingeschränktem Sinne, sondern in der Aufdeckung von Normen und Regeln für das eigene Kunstschaffen. Die Kunst der Renaissance trat in den Wettstreit, den paragone mit der Antike. Im Zentrum der Beobachtungen standen vor allem die Skulpturen und Bauwerke der Stadt Rom, aber auch andernorts wurden Antiken immer zahlreicher zutage gefördert. Dies alles hielten die Künstler in Zeichnungen, Detailstudien und Ansichten fest, während es Antiquare beschrieben und bereits archäologisch erforschten.

Das Census-Projekt

Der Census of Antique Works of Art and Architecture Known in the Renaissance macht es sich seit vielen Jahren zur Aufgabe, dieses unerschöpfliche Material der Renaissance zu sammeln, zu sichten und für kunst- und kulturgeschichtliche Forschungen wissenschaftlich zu erschließen. Das Projekt wurde im Jahre 1946 am Warburg Institute in London auf Initiative von Fritz Saxl, Richard Krautheimer und Karl Lehmann-Hartleben begründet. Zunächst wurden die in der Renaissance bekannten antiken Werke auf Karteikarten verzeichnet mit zeitgenössischen Quellenangaben versehen. Anfang der achtziger Jahre fiel die Entscheidung, die Informationen des Census computergestützt aufzubereiten und den Zugriff auf die Daten mittels verschiedener Fragestellungen zu ermöglichen. Nach Stationen in London, New York und Rom hat das Projekt seit 1995 seinen Sitz am Kunstgeschichtlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Januar 2003 wurde es zudem als Langzeitvorhaben in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Der wissenschaftliche Beirat des Census-Projekts setzt sich aus den DirektorInnen des Warburg Institute London, der Bibliotheca Hertziana Rom, des Getty Information Institute und des Getty Center Los Angeles, sowie des Warburg-Hauses Hamburg, zusammen.

Die Datenbank

Die Census-Datenbank ist unter www.dyabola.de im Internet passwortgeschützt konsultierbar. In ihr sind bislang ca. 12.000 Einträge zu antiken Monumenten mit ca. 25.000 Nachweisen aus der Renaissance (Zeichnungen, Kupferstiche, Inventare, Beschreibungen etc.) abrufbar. Darüber hinaus informieren die wichtigsten Sektoren der Datenbank über die Persönlichkeiten der Künstler und Auftraggeber und enthalten Orts- und Zeitangaben sowie bibliographische Hinweise. Alle Bereiche sind untereinander verknüpft und ermöglichen dadurch komplexe Abfragen. Umfangreiches Bildmaterial begleitet diese Materialfülle.

Projekt des Monats: Einbindung von digitalem, georeferenziertem Kartenmaterial

Die Auswahl zum Projekt des Monats Februar 2006 machte es möglich, für einen Teilbereich der Census-Daten eine neue Zugangsmöglichkeit zu gestalten. Nahezu alle der ungefähr 1300 Ortseinträge der Datenbank, die aktuelle oder historische Aufenthalts- bzw. Aufbewahrungsorte antiker Monumente darstellen, wurden mit georeferenzierten Daten versehen und auf dem frei verfügbaren Kartenmaterial von google visualisiert. Die mit diesen Orten verlinkten Einträge antiker Monumente lassen sich per Mausklick in Bild und Text konsultieren; desgleichen die Einträge der sogenannten Renaissanceprovenienz, die Informationen über die wechselnden Aufenthaltsorte antiker Bildwerke beinhaltet. Die Renaissancedokumente, denen diese Informationen entnommen werden können, sind als Quelle genannt.