Mit hintergründigen Reportagen aus dem Pariser Alltag und Kulturbetrieb brilliert der gebürtige Österreicher und Wahl-Pariser Georg Stefan Troller seit mehr als 40 Jahren. In dem erzählenden Reiseführer Dichter und Bohemiens dringt er auf seinem Streifzug durch die Literaturgeschichte in Walter Benjamins Hauptstadt des 19. Jahrhunderts ein, läuft zwischen Montparnasse und Montmartre prominente Adressen an und erzählt Anekdoten, die er in Archiven aufstöberte: von Charles Baudelaire und Théophile Gautier, die auf der Île Saint-Louis ihre Freunde vom "Klub der Haschichschjünger" empfingen; von Georges Simenon, dem Josephine Baker in den zwanziger Jahren unweit von Pigalle in die Falle ging. Annähernd 600 Künstler und Intellektuelle lässt Troller in diesem gründlich recherchierten Werk auftreten - von Louis Aragon bis Marina Zwetajewa. Doch weil die jüngsten unter ihnen alt wie Michel Piccoli oder tot wie Serge Gainsbourg sind, haftet seinem Band, der die Drehscheibe Paris zum Denkmal macht, ein Hauch von Rückwärtsgewandtheit an. Ein bisschen mehr Gegenwart, zum Beispiel ein Besuch bei Michel Houellebecq oder Frédéric Beigbeder - und der Leser hätte vielleicht die Hauptstadt des 21. Jahrhunderts entdeckt.
CS Georg Stefan Troller: "Dichter und Bohemiens. Literarische Streifzüge durch Paris"Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf und Zürich 2003; 240 S., 19,90 Euro