Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 40/2022.
Eine spirituelle Gebärmutterreinigung ist in der Praxis erstaunlich unspektakulär. Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, was wir uns von der Teilnahme genau erwartet hatten. Jedenfalls sicher nicht daheim in Jogginghose vor dem Rechner zu sitzen und dem langatmigen Vortrag einer mit Federschmuck geschmückten, stark geschminkten Frau mittleren Alters zu lauschen. In der Workshopankündigung hieß es, Geschlechtsverkehr würde bei Frauen spirituelle Ablagerungen verursachen. Wer seine weiblichen Energien nicht reinige, dem drohen Migräne, Depression, Panikattacken, vorzeitiges Altern, frühe Wechseljahre, Unfruchtbarkeit und Einsamkeit. Abhilfe schafft angeblich nur ein spezielles Ritual. Darum sitzen wir, zwei Frauen Mitte 30, nun hier und lauschen seit einer Stunde einer selbst ernannten Schamanin. Wie viele andere Teilnehmende mit uns den skurrilen Ausführungen folgen, wissen wir nicht. Es könnten fünf oder 500 sein. Die Onlinesessions werden in mehreren Sprachen angeboten, wem das nicht reicht, der kann auch private Sitzungen buchen. Wer im Netz nach Gebärmutterreinigungen sucht, stößt mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später auf dieses Angebot.