Esra Özyürek hat in der Türkei studiert, in Deutschland geforscht, in den USA promoviert und lehrt nun an der theologischen Fakultät in Cambridge. Im April ist ihr zweites Buch über Muslime in Deutschland erschienen: "Subunternehmer der Schuld – Holocaust-Erinnerung und muslimische Zugehörigkeit im Nachkriegsdeutschland".

ZEIT ONLINE: Frau Özyürek, Sie haben mehr als zehn Jahre untersucht, wie deutsche Muslime in den Fokus der Holocaust-Aufarbeitung gerückt sind. Warum gerade in Deutschland?

Esra Özyürek ist Sultan-Qaboos-Professorin für abrahamitischen Religionen und geteilte Werte an der Theologischen Fakultät der University of Cambridge. Sie studierte Soziologie und Politikwissenschaften an der Bogaziçi-Universität in Istanbul sowie Anthropologie an der University of Michigan in Ann Arbor. Sie lehrte an der University of California in San Diego und der London School of Economics. 2015 ist ihr Buch "Being German, Becoming Muslim: Race, Religion, and Conversion in the New Europe" erschienen. Im April 2023 folgte "Subcontractors of Guilt: Holocaust Memory and Muslim Belonging in Postwar Germany". © Susie Triffitt

Esra Özyürek: Als ich 2006 das erste Mal nach Deutschland kam, hat mich beeindruckt, wie selbstbewusst die Menschen in diesem Land mit der Vergangenheit umgehen. Ich kam aus der Türkei, wo bis heute der Genozid an den Armeniern geleugnet wird, nach Deutschland. Als ich in die USA zog, begegneten mir etliche Leute, die glaubten, die Indigenen Amerikas seien alle an einer Grippe gestorben. Und in Großbritannien war eine der Fragen im Einbürgerungstest, ob der Kolonialismus Gutes bewirkt hat oder nicht – die gewünschte Antwort war: ja. In Deutschland dagegen verlegen Ehrenamtliche Stolpersteine, um an die Opfer der Shoah zu erinnern. Und der Staat unterstützte meine Forschung, in der ich Kritik an ebendiesem Staat übe.

ZEIT ONLINE: Heute sehen Sie die deutsche Erinnerungskultur kritisch. Warum?

Özyürek: Gegenwärtig wird die Erinnerung an den Holocaust dazu benutzt, mit dem Finger auf Muslime als Antisemiten zu zeigen. Und sie wird dazu benutzt, bereits rassifizierte Gruppen in der Gesellschaft weiter zu marginalisieren. Dies ist das Ergebnis zweier Entwicklungen der vergangenen zwanzig Jahre: Die Deutschen hatten Mitte der Nullerjahre vermehrt das Gefühl, genug zur Aufarbeitung getan zu haben. Und womöglich hatten sie für einen kurzen Zeitraum der Geschichte sogar recht damit. Sie wollten Jahrzehnte nach den Verbrechen der Nazis eine Nation werden wie jede andere. Es hat sich ein neues Gefühl des Stolzes eingestellt, Deutscher zu sein und den richtigen Umgang mit der Geschichte gefunden zu haben.

ZEIT ONLINE: Als die Fußballweltmeisterschaft der Herren 2006 in Deutschland gastierte, wurde intensiv über Nationalstolz diskutiert.

Özyürek: Ja. Und parallel begannen die Themen "muslimischer Antisemitismus" und "Holocausterziehung für Muslime" in der deutschen Öffentlichkeit einen breiten Raum einzunehmen. Im Jahr 2000 hatte die zweite Intifada begonnen und Muslime verbrannten auch auf deutschen Straßen Israelflaggen. Da hat die weiße Mehrheitsgesellschaft eine neue Aufgabe für sich entdeckt: den Antisemitismus der Anderen zu bekämpfen.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie diese Entwicklung fest?

Özyürek: Die deutsche Regierung, deutsche Nichtregierungsorganisationen und muslimische Minderheitengruppen haben damit begonnen, speziell auf muslimische Einwanderer und Flüchtlinge zugeschnittene Programme zu entwickeln. Auch sie sollen die Lehren aus dem Holocaust ziehen, brauchen dafür aber offenbar ein Sonderprogramm, obwohl sie wie alle anderen zur Schule gehen. Muslime müssen nachsitzen, während weiße Deutsche mit christlichem Hintergrund den Holocaust so weit bewältigt haben, dass sie anderen Nachhilfe geben können. Das ermöglicht weißen Deutschen, weiter etwas gegen den Antisemitismus in der Welt zu tun und sich selbst nicht infrage stellen zu müssen. So ist der Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland zu einer Möglichkeit geworden, rassifizierte Gruppen aus der Gesellschaft zu drängen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern verdrängen?

Özyürek: Sie gelten als diejenigen, die die gemeinsamen Werte der Gesellschaft nicht teilen. Muslimisch zu sein wird nach wie vor als etwas angesehen, das eher nicht zu Deutschland gehört, sondern außerhalb von Europa verortet ist, insbesondere im Nahen Osten. Das heißt, dass deutsch und Muslim zu sein sich eher ausschließt. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist mit dem Versprechen der Integration verbunden. Junge Muslime spüren diese Erwartung sehr klar – und versuchen, ihr zu entsprechen. Solange sie jedoch als grundsätzlich antisemitisch angesehen werden, ist es für sie sehr schwierig, in der deutschen Holocausterinnerung Platz zu finden.

ZEIT ONLINE: Ist das noch so? Der frühere Bundespräsident Christian Wulff hat bereits 2010 gesagt: "Der Islam gehört zu Deutschland."

Özyürek: Er wurde damals für diese Aussage heftig kritisiert. Auch wird diese Sichtweise in der Gesellschaft eher nicht geteilt.

ZEIT ONLINE: Was spricht dagegen, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen?

Özyürek: Nichts, diese Auseinandersetzung ist nur nie abgeschlossen. Deshalb steht auch die Integration dauernd infrage. Zudem versucht die Mehrheitsgesellschaft, den Zugewanderten die Täterperspektive nahezubringen. Das habe ich immer wieder beobachtet: Wenn muslimische Teilnehmer Holocaustgedenkstätten besuchen, identifizieren sie sich oft mit den Juden, da beide Gemeinschaften religiöse Minderheiten sind. Als ich einmal eine Gruppe bei einer Reise nach Auschwitz begleitet habe, haben die Jugendlichen erkannt, wie ähnlich sie den Menschen auf den Fotos teilweise waren – das Aussehen, aber beispielsweise auch die Beschneidung ist ja etwas, das Juden und Muslime teilen. Diese Art der Identifikation zieht jedoch den Zorn und die Ablehnung der Lehrer nach sich.

ZEIT ONLINE: Ist nicht gerade die Identifikation mit dem Bösen die Lehre aus dem Holocaust, die die deutsche Aufarbeitung ausmacht? Alle könnten Täter werden.

Özyürek: Es stimmt, dass die Holocausterziehung uns hilft zu verstehen, wie das Böse funktioniert. Aber sie lehrt uns auch, wie Macht funktioniert, wie Ausgrenzung und Marginalisierung funktionieren und Gewalt möglich machen. Es ist wichtig zu erkennen, dass jeder Lernende auf einer persönlichen Ebene mit dem Holocaust zu tun hat, und das ist die Stärke des Themas. Menschen, die eine dominante Position in der Gesellschaft innehaben, und solche, die an den Rand gedrängt werden, werden die Erinnerung an den Holocaust von verschiedenen Seiten her angehen, auch wenn die Hoffnung ist, dass sie am Ende alle verstehen, wie die faschistische Gesellschaft funktioniert.

ZEIT ONLINE: Wie laufen diese Seminare und Initiativen ab?

Özyürek: Es ist eine kleine Industrie entstanden aus Bildungsprogrammen für Muslime, von denen ich unzählige besucht und einige über längere Zeit begleitet habe. Eine Sache, die mir aufgefallen ist, war, dass versucht wird, den Menschen einen eigenen Zugang zum Holocaust zu ermöglichen anhand der jeweiligen Geschichte. So bekommen Araberinnen und Palästinenser beispielsweise eine eigene Genealogie präsentiert. Ihnen wird etwa erklärt, dass es mit dem Mufti von Jerusalem jemanden gab, der mit den Nazis kollaboriert und später auch in Nazideutschland gelebt hat. Sie sollen sich selbst aufgrund eines ihrer Vorfahren mit der Täterschaft beschäftigen, so wie die ethnischen Deutschen eine Verbindung über ihre Großeltern zu Hitler ziehen. Als ließe sich nicht ohne diese Verbindung verstehen, dass der Holocaust furchtbar war; dass Antisemitismus ein Problem für uns alle ist, unabhängig von der eigenen Abstammung. 

ZEIT ONLINE: Dass sich seit dem Angriff der Hamas viele Linke und Muslime mit der Hamas solidarisieren, kann aber doch nicht die Alternative sein. Wir haben in den vergangenen drei Wochen vielfach gesehen, wie deren Gemetzel als Freiheitskampf der Palästinenser gefeiert wurde, und Auslöschungsfantasien wie "From the river to the sea" gehört.