Am Tag danach bemerkte Opa Harald Schmidt nicht, der in einem kleinen Münchner Hotel neben ihm am Frühstücksbuffet stand. Opa stand bei der Wurst, Schmidt bei den Semmeln, zwei Männer mit grauen Haaren, der eine groß, der andere eher klein. Opa hat die Angewohnheit, große Menschen nach ihrer Körperlänge zu fragen, aber diesmal schien er mit seinen Gedanken woanders. Wie war er da bloß hingekommen, ans Buffet neben Harald Schmidt am Tag nach dem Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft?

Es begann mit dem rechtmäßigen Erwerb der Karten im Herbst, und es ging weiter am Morgen des 9. Juni, als Opa mit dem Zug in Berlin ankam. Ich zeigte ihm den neuen Hauptbahnhof, Opa blickte sich um und sagte: "Toll!" Er ist 82, ihm gehörte eine Baufirma, er gründete sie nach dem Krieg, er hat Straßen gebaut, damit das Land wieder in Bewegung kam.

Mit dem Flugzeug flogen wir nach München, und mit dem Taxi fuhren wir zum Stadion, und als Opa das Stadion sah, sagte er: "Toll!" Eigentlich sagt er nie "toll", sondern "doll", und es meint viel mehr, aber das behält Opa für sich, das hat er immer für sich behalten. Er schaut gerne, er bleibt oft stehen, manchmal staunt er und fragt die Menschen, und in letzter Zeit wundert er sich viel über das Neue, das es überall gibt. Im Stadion staunte und wunderte sich Opa fünf Stunden lang, er saß auf seinem Platz und schaute sich alles an, und sein Blick erinnerte an den eines Kindes: neugierig, ein bisschen eingeschüchtert, aber ohne Angst. Und dabei ist es egal, dass Opa manches nicht mehr versteht, nicht weiß, wer Herbert Grönemeyer ist oder Toni Braxton. Er kennt Thomas Gottschalk und Pelé und die meisten deutschen Spieler, aber er wird nicht euphorisch, wenn die Mannschaft gewinnt, und er wird nicht wütend, wenn sie verliert – Opa wurde nie in seinem Leben laut, wahrscheinlich weil ihm das Leben zu gut gefällt.

Nach dem Spiel fuhren wir vom Stadion in die Stadt, in der U-Bahn war es heiß und viel zu voll, aber Opa schien das nichts auszumachen, und ich ahnte langsam, dass er das Schlechte genauso hinnimmt wie das Gute. Matthias Kalle