Garmisch - Lindsey Vonn war wirklich betroffen. Dass sie jemand dafür kritisiert, dass sie "einfach nur meinen Job" macht, hatte die Abfahrts-Olympiasiegerin nicht erwartet. Der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier echauffierte sich über das "lächerliche" Auftreten der angeschlagenen Amerikanerin in Garmisch-Partenkirchen und sagte: "Was will so ein Athlet bei der WM?" Vonn hat sich deshalb für die Abfahrt am heutigen Sonntag (11.00 Uhr/ZDF und Eurosport) besonders viel vorgenommen, sie will "den Kritikern den Mund stopfen" - und Maria Riesch schlagen.

Doch Vonn brummt nach einem Trainingsunfall weiter der Kopf, Maria Riesch fühlt sich wegen ihrer Virus-Grippe schlapp. "Die Erwartungen sind nach dem Verlauf dieser Woche ein bisschen gedämpft", sagte die Doppel-Olympiasiegerin am Samstagabend. Seit ihrer Fahrt zu Bronze im Super-G am vergangenen Dienstag laboriert sie an einer Virusgrippe, und "es ist nicht die wundersame Heilung eingetreten", sagte sie, "dass ich nicht voll gesund werde, ist klar". Am Samstag fühlte sich Riesch allerdings "körperlich fitter, der Tag heute hat gut getan". Wegen der Absage des Abschlusstrainings für die Abfahrt hatte sie frei.

Weil die Top-Favoritinnen schwächeln, könnte in der Königsdisziplin erstmals seit 15 Rennen wieder die Stunde der Außenseiterinnen schlagen. Ob Weltcup oder Olympia - zuletzt hieß die Siegerin in der Abfahrt immer Vonn oder Riesch. Die amerikanische Titelverteidigerin hat 10 der letzten 15 Schussfahrten gewonnen, darunter auch die bei Olympia 2010 in Whistler. Riesch war fünfmal vorne, in dieser Saison rüttelte sie mit drei Siegen bei fünf Weltcup-Abfahrten am Thron der Speed-Queen. Die Generalprobe vor einem Jahr auf der "Kandahar" gewann Riesch ebenfalls - vor Vonn.

Riesch ärgert sich

Deshalb galt Riesch vor der WM als heißeste Anwärterin auf Gold - und sie verdeutlichte auch, dass der Abfahrtssieg für sie der wichtigste in Garmisch wäre. Die Gewinnerin der Abfahrt ist die Königin einer jeden WM. Umso größer ist bei ihr der Frust, dass ihr ein gemeiner Virus nach einer beinahe schon fest eingeplanten Medaille in der Super-Kombination auch noch Edelmetall bei der Abfahrt rauben könnte. "Das ganze Jahr hat man nichts, dann erwischt es einen ausgerechnet bei der Heim-WM. Ich könnte mich unendlich ärgern", sagte sie. Auch Riesch fährt mit Wut im Bauch.

Die beste Nachricht für sie kam deshalb schon am Freitagabend. "Wegen der warmen Temperaturen wird das Abfahrtstraining der Frauen am Samstag abgesagt", hieß es in einer Mitteilung des Weltverbandes. Für Riesch bedeutete das: ein Tag mehr Ruhe vor dem Sturm. "Ich hoffe, dass ich bis zum Sonntag meinen Punch zurückhabe", sagte sie noch - und das Rezept dafür heißt: "Ich muss jetzt viel trinken." Dazu gibt es zahlreiche Vitamincocktails und Infusionen. Auch Vonn will sich schonen. "Mein Kopf ist schon ein bisschen besser, aber noch nicht wieder gut. Der Fokus ist noch nicht richtig da", sagte sie.

Speziell Maria Riesch muss jedoch auch noch eine weitere Hürde überwinden. Weil es dieser Tage ungewöhnlich warm ist im Werdenfelser Land, hat die Piste gelitten. Am Sonntag wird die "Kandahar" kaum mehr mit der buckligen Eisplatte vergleichbar sein, die sie noch beim Super-G am Dienstag war. Das Rennen ist deshalb offen, eine echte Favoritin kaum auszumachen. Super-G-Weltmeisterin Elisabeth Görgl (Österreich), die Schweizerin Dominique Gisin, US-Girl Julia Mancuso oder Anja Pärson aus Schweden dürfen hoffen, die Dominanz von Riesch und Vonn zu brechen.