Mit Gegnern wie den Rumänen Constantin Cioti beschäftigt sich Timo Boll normalerweise nicht länger. Doch in der ersten Partie des gestrigen EM-Mannschaftshalbfinals jagte Cioti nicht nur Boll, sondern der gesamten deutschen Tischtennis-Gemeinde einen ordentlichen Schrecken ein. Cioti gewann die ersten zwei Sätze gegen den deutschen Vorzeigespieler. Boll, als langsamer Starter bekannt, drehte aber noch mal auf, gewann das Spiel 3:2 und führte damit das deutsche Team zum Finaleinzug heute Abend gegen Dänemark (19.30 Uhr).

Auch da gilt Deutschland als klarer Favorit. Natürlich vor allem wegen Boll. Der ist zwar noch nicht in Bestform, seit seiner WM-Absage Ende April hatte er international kaum gespielt. Der Rücken schmerzte zu sehr. Doch für die europäische Konkurrenz reicht das allemal. Im Mannschaftswettbewerb ist er bisher ungeschlagen, und er wirkt von Spiel zu Spiel sicherer. Das dreifache EM-Triple, 2007 und 2008 gewann Boll Gold in Einzel, Doppel und Mannschaft, ist in Reichweite.

Dass Boll wieder einigermaßen fit ist und damit Deutschland auf eine erfolgreiche Heim-EM hoffen kann, das liegt vor allem an seinem Trainer und Ziehvater Helmut Hampl. Der Cheftrainer des hessischen Tischtennis-Verbandes trainiert den scheuen Odenwälder seit fast zwanzig Jahren und machte ihn zu dem einzigen Europäer, den sogar die übermächtigen Chinesen fürchten. An Bolls Weltkarriere bastelte er mit einer Akribie und Konsequenz, die an Holger Geschwindner, dem Ziehvater Dirk Nowitzkis, erinnert. Und so wusste Hampl auch vor der EM, was zu tun war. Nach der Verletzung erstellte er einen neuen Trainingsplan für Boll, das Lauftraining wurde durch rückenschonende Einheiten im Schwimmbecken und auf dem Mountainbike ersetzt. "Er kennt mich aus dem Effeff, weiß genau was ich brauche, ich vertraue ihm", sagt Boll.

Doch in Stuttgart schaut Hampl nicht nur auf den Superstar. Zwei weitere seiner Schützlinge sind im deutschen Aufgebot: Ruwen Filus, 20, und der erst 17-jährige Patrick Franziska. Sie stehen für die Nachhaltigkeit des hessischen Tischtennissystems, das Hampl aufgebaut hat und das immer wieder Weltklasse produziert. Auch Jörg Roßkopf, Weltmeister und Olympiazweiter im Doppel, wird seit seiner Jugend von Hampl betreut.

Wer mehr unterm als am Tisch steht, ist halt noch nicht so weit.
Helmut Hampl

Wer eine Erklärung für den Erfolg des Systems sucht, muss von Frankfurt aus Richtung Süden durch die Hügel des Odenwalds fahren. In 9000-Einwohner Städtchen Höchst an der B 45 wirbt ein Schild für "Futterexpress-Tiernahrung", dort geht es links zur Halle des TSV. Die wirkt eher wie ein Gemeindezentrum. Der 57-jährige Hampl steht im grauen Trainingsanzug vor der abgewetzten Eingangstür, auf der ein Plakat für den Karate-Einsteigerkurs klebt.

Als Hampl aufschließt, lächelt er und sagt: "Hier werden Weltmeister gemacht." Auch drinnen sieht die Turnhalle immer noch so aus wie bei ihrer Erbauung 1952: Parkettboden, holzverkleidete Wände, eine Theaterbühne versteckt sich hinter einem Plüschvorhang. Hier trainieren die Mitglieder von Hampls Trainingsgruppe, die meisten spielen bei der TG Hanau, eine neue Bundesligamannschaft, die aus dem TTV Gönnern hervorgegangen ist. Boll ist zwar schon seit zwei Jahren für Borussia Düsseldorf am Start, doch die meiste Zeit verbringt er hier. Schließlich wohnt er um die Ecke.