Die südafrikanische 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya sei laut einem Bericht der australischen Zeitung Daily Telegraph ein "Zwitter". Bei einem Geschlechtstest habe die 18-Jährige ein dreifach höheres Testosteron-Niveau als bei Frauen üblich aufgewiesen, schreibt das Blatt am Freitag unter Berufung auf Quellen, die über die Untersuchung gut informiert sein sollen.

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF reagierte mit einer siebenzeiligen Erklärung auf den Zeitungsartikel, in dem intime Details über die Geschlechtsmerkmale der Sportlerin genannt worden waren. Die IAAF bestätigte zwar den Geschlechtstest der Südafrikanerin, die endgültige Entscheidung darüber, ob Caster Semenya der Weltmeistertitel aberkannt wird, will der Verband frühestens auf einer Tagung am 20./21. November in Monaco bekannt geben. Vor Abschluss der Untersuchungen werde es keine Stellungnahme mehr geben. Den Test hatte die IAAF in Auftrag gegeben und von Anfang an darauf verwiesen, dass sie den Fall aufgrund der besonderen Sensibilität zunächst sehr sorgfältig prüfen und erst dann an die Öffentlichkeit gehen werde.

Selbst wenn das offizielle Ergebnis der Untersuchung die Behauptungen des Daily Telegraph stützen sollte, ist damit nicht eindeutig geklärt, ob Semenya nun Frau oder Mann ist. Wissenschaftler vertreten inzwischen die Auffassung, dass eine eindeutige Einteilung der Menschen in zwei Geschlechter nicht mehr zeitgemäß ist. Im Fall der südafrikanischen Sportlerin ist es gut möglich, dass ihr Geschlecht irgendwo zwischen männlich und weiblich liegt. Für den Leichtathletikverband macht dies die Entscheidung über eine Aberkennung der Goldmedaille besonders schwierig: Ist Semenya tatsächlich keine Frau, muss er ihr den Titel nehmen. Gleichzeitig würden viele Intersexuelle dies als Diskriminierung auffassen.


Caster hatte das 800-Meter-Finale am 19. August im Berliner Olympiastadion mit einem sensationellen Vorsprung gewonnen. Sie siegte in der Weltjahresbestzeit von 1:55,45 Minuten vor Titelverteidigerin Janeth Jepkosgei aus Kenia (1:57,90) und Jennifer Meadows aus Großbritannien (1:57,93). Aufgrund ihrer männlichen Erscheinung waren bereits vor dem Endlauf Zweifel aufgekommen, ob sie eine Frau ist. Die bis dahin unbekannte Südafrikanerin hatte drei Wochen vor der WM die Weltklassezeit von 1:56,72 Minuten gelaufen.

Vor vier Tagen war Semenyas Trainer wegen der Kontroverse um die Weltmeisterin zurückgetreten. "Ich bedauere die Rolle, die ich dabei gespielt habe. Aufgrund meiner Nachlässigkeit musste sie das Ganze erleiden", hatte Wilfried Daniels der Zeitung The Star gesagt. Man habe die junge Läuferin getäuscht, behauptete der Coach.

Semenya sei bei dem vom Weltverband angeordneten und nach ihrem WM-Sieg in Berlin vorgenommenen Geschlechtstest im Glauben gelassen worden, es handele sich nur um eine Doping-Kontrolle. "Ich muss zurücktreten und mich nun fragen, ob ich mein Leben noch genießen kann. Mein Schuldbewusstsein ist groß", sagte Daniels.