Frage: Herr Thevis, bei der Anhörung des Internationalen Sportgerichtshofs Cas im Fall Claudia Pechstein scheint ein ganzes System auf dem Prüfstand zu stehen: der indirekte Dopingnachweis über das Blutprofil. Steht und fällt die Dopingbekämpfung mit den Blutkontrollen?

Mario Thevis: Diese Aussage wäre zu schwerwiegend. Blutprofile und Athletenpässe haben in der Tat eine sehr große Bedeutung, sie ergänzen sich sehr gut mit anderen Nachweisverfahren. Aber die moderne Dopinganalytik hat auch alternative Möglichkeiten.

Frage: Eigenblutdoping kann allerdings im Moment nur indirekt über ein Blutprofil nachgewiesen werden.

Thevis: Das ist richtig. Daran sieht man, dass Blutprofile sehr wertvoll sind. Mit ihnen wird auf individueller Basis entschieden, aber so, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Manipulation überführen kann. Es könnte jedoch in Zukunft auch möglich sein, Eigenblutdoping direkt nachzuweisen. Daran wird gerade gearbeitet.

Frage: Wird denn der Cas im Fall Pechstein ein Grundsatzurteil fällen?

Thevis: Nein, denn auch in künftigen Fällen muss immer individuell entschieden werden. Ich glaube daher nicht, dass ein Urteil eine Konsequenz für das Blutprofil an sich und die Analytik im Allgemeinen haben wird. In der Öffentlichkeit scheint es gelegentlich so, als ob der Blutpass je nach Ausgang des Verfahrens gut ist oder nicht einsetzbar ist. Das sehe ich anders. Der Fall Pechstein ist interessant und wichtig, so wie es jeder andere Dopingfall vor dem Cas auch ist. Er zeigt, dass Diskussionsbedarf besteht.

Frage: Andere Verbände wie der Internationale Skiverband haben schon erklärt, sie hätten schwarze Listen mit Athleten, die ebenfalls unnormale Werte aufwiesen. Sie scheinen also ihr Verhalten vom Urteil im Fall Pechstein abhängig zu machen.

Thevis: Es geht nicht darum, welche Werte ein Athlet aufweist, sondern, wie sich seine Werte verändert haben. Ein Vorteil des Blutpasses ist seine Vielseitigkeit. Untersucht werden ja nicht nur einzelne Parameter wie Hämatokrit, Hämoglobin oder die Retikulozyten. Insgesamt gibt es bis zu zwölf Parameter, die die Analytiker auf verschiedene Manipulationsmethoden hinweisen können. Manche Parameter verändern sich saisonal, zum Beispiel mit den Trainingsphasen. Andere bleiben gleich. Darüber lernen wir immer mehr.