Diese Frau öffnet viele Türen. Vor einer Woche war sie die Gastgeberin der Staats- und Regierungschefs der mächtigsten Wirtschaftsnationen der Welt im Botanischen Garten von Pittsburgh. An diesem Freitag ist sie in Kopenhagen das "Gold-Argument" für die Vergabe der Olympischen Spiele 2016 an ihre Heimatstadt Chicago. Sie stammt auf einem schwarzen Arbeiterhaushalt und kann sich doch spielen mit gekrönten Häuptern messen, wie Spaniens König Juan Carlos.

Die glamourösen Seiten der ersten schwarzen First Lady der USA werden den Deutschen seit dem Amtsantritt der Obamas am 20. Januar regelmäßig via Illustrierte und Fernsehen nahe gebracht: Michelle im strahlenden Ballkleid mit nur einem Schulterträger aus dem New Yorker Studio des taiwanesischen Designers Jason Wu, Michelle in der Nacht der Inaugurationsfeiern. Michelle zu Besuch bei Queen Elizabeth II. im Buckingham-Palast. In jüngerer Zeit spekulierten bunte Blätter anhand von Fotos mit leicht gewölbtem Bauch, ob sie schwanger sei. Auch jede Veränderung der Frisur sendet eine neue Bilderwelle über den Atlantik nach Europa.Doch das sind Oberflächlichkeiten. Michelle Obama ist keine Modepuppe und auch nicht nur ein Anhängsel des Medienstars Barack Obama. Sie selbst ist eine beeindruckende Persönlichkeit und liefert Amerika ein facettenreiches neues Rollenmodell im Weißen Haus. Sie revolutioniert das Bild der schwarzen Frau in den USA. Sie prägt das Amt der First Lady neu und hebt sich dabei sowohl von der traditionellen Präsidentengattin ab, die von den drei K’s – Kinder, Küche (speziell Backrezepte), Karitatives – geprägt war, als auch von der Vorvorgängerin Hillary Clinton.

Hillary galt als erste "moderne" Hausherrin an Amerikas vornehmster Adresse, verschreckte aber große Teile der Nation durch einen allzu emanzipatorischen Ansatz und ihre politischen Ambitionen. Michelle fordert weder einen Platz am Kabinettstisch noch möchte sie die Verantwortung für ein Großprojekt der Regierung übernehmen, wie Hillary 1993, deren Gesundheitsreform jedoch scheiterte.

Imminent politisch ist Michelle Obama gleichwohl. Sie macht gerade ihre zweite große Karriere. Schon die erste war beeindruckend: Sie stammt aus einem einfachen Arbeiterhaushalt in Chicago, studierte an den besten Universitäten des Landes und stieg ins Führungsmanagement der Universitätsklinik Chicago auf. Dort verdiente sie ein sechsstelliges Jahresgehalt, brachte zwei Kinder zur Welt und unterstützte nebenbei den politischen Aufstieg ihres Mannes.

Ihre zweite Karriere stellt diesen Erfolg noch in den Schatten. In den ersten acht Monaten im Weißen Haus hat sie sich ihren Platz in den Herzen der Amerikaner erobert, trotz der Anfeindungen im Wahlkampf und mancher Rassenvorbehalte. Der Popularitätssprung ist atemberaubend: Im Sommer 2008 lagen ihre Zustimmungsraten bei 40 Prozent. In manchen Erhebungen gab es mehr negative als positive Bewertungen. Kommentatoren meinten damals, Michelle sei eine Belastung für Baracks Kandidatur. Nun ist sie plötzlich der Liebling der Nation und mit über 70 Prozent Zustimmung populärer als ihr Mann. Seine Werte sinken angesichts der Wirtschaftskrise und umstrittener Reformziele. Sie ist auch beliebter als ihre weißen Vorgängerinnen.

Wie macht sie das? Es ist nicht ganz einfach, das Geheimnis ihres Erfolgs zu lüften. Michelle zeigt widersprüchliche Seiten. Sie macht es den Beobachtern nicht leicht, ein faires Urteil zu gewinnen. Im Gegensatz zum Versprechen einer transparenten Amtsführung der Obamas lässt sie die Medien selten näher an sich heran. Die Verletzungen im Wahlkampf haben sie vorsichtig gemacht.

Man darf sich da von den Bildern nicht täuschen lassen. Die vielen Fotos und Fernsehfilmchen von ihren öffentlichen Auftritten erwecken den Eindruck, sie sei zugänglich. In Wahrheit müssen selbst Journalisten, die im Weißen Haus akkreditiert sind, eine freundliche Hartnäckigkeit an den Tag legen und das Vertrauen der Mitarbeiter gewinnen, ehe sie wenigstens begrenzten Zugang erhalten. Offiziell sind fast alle Auftritte der First Lady "pooled press only". Das heißt: Nur eine Fernsehkamera und ein schreibender Journalist dürfen sie begleiten. Die übrigen Medien sind ausgeschlossen und müssen sich aus diesem Pool-Bericht bedienen.