Frage: Herr Özil, wo haben Sie vorigen Sommer das EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei erlebt?

Mesut Özil: Da, wo ich aufgewachsen bin, in Gelsenkirchen. Ich habe das Spiel zusammen mit meinen Freunden gesehen.

Frage: Und welches Trikot hatten Sie an?

Özil: Gar keins. Ich war erst einmal glücklich, dass beide Nationen so weit gekommen waren. Aber ich habe den Deutschen die Daumen gedrückt. So ist halt der Fußball, es kann nur einen Gewinner geben.

Frage: Mussten Sie sich heimlich freuen?

Özil: Ach nein. Viele meiner Freunde waren natürlich für die Türkei. Aber als Deutschland gewonnen hatte und die Fans später auf der Straße aus ihren Autos stiegen und feierten, da haben wir alle mitgemacht.

Frage: Und wie ist es heute? Halten nach dem WM-Aus der Türkei deren Fans jetzt Deutschland die Daumen, weil Sie dabei sind?

Özil: Das wünsche ich mir. Ich bin ein wenig traurig, dass die Türken nicht dabei sein werden. Andererseits freue ich mich als deutscher Nationalspieler, dass wir zur WM nach Südafrika fahren. Ich hoffe, dass sich die türkischen Fußballfans auch für mich freuen können, dass sie ein bisschen Stolz empfinden können.

Frage: Sie haben den türkischen Pass abgegeben und sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Özil: Ich habe mich nicht gegen die Türkei entschieden, sondern für Deutschland. Hier bin ich geboren, hier fühle ich mich wohl. Ich wurde von der Nationalmannschaft super aufgenommen – es passt alles zu mir. Ich würde mich freuen, wenn die Türken das so sehen und akzeptieren könnten. Das würde mich glücklich machen.

Frage: Ihr Weg zur Popularität ist ein kurzer. Im September debütierten Sie als Spielmacher in der Nationalelf. Inzwischen sind Sie nicht mehr wegzudenken. Wie nehmen Sie das wahr?

Özil: Gegen Südafrika spielte ich das erste Mal von Beginn an. Der Bundestrainer und viele Spieler sind auf mich zugekommen; sie sagten: Spiel, wie du willst! Das hat mir geholfen. Ich hatte keinen Druck. Denn wenn ich auf dem Platz bin, will ich der Mannschaft so gut es geht helfen. Das war mein Ziel und ich denke, dass ich das bis hierhin gut gemacht habe.

Frage: Haben Sie den Hype in der Öffentlichkeit denn gar nicht mitbekommen?

Özil: Nein, denn ich bin immer noch der alte Mesut. So wurde ich erzogen, und das wird auch immer so bleiben. Ich weiß, wer ich bin. Und wenn ich auf dem Platz stehe, bin ich einfach glücklich.

Frage: Wenn Ihre Entwicklung so weitergeht, wird der Moment kommen, dass Sie nicht mehr unerkannt über die Straße gehen können. Ist das erstrebenswert für Sie?

Özil: Noch macht es Spaß, wenn die Leute auf der Straße auf mich zukommen. Sie gratulieren mir zum Spiel oder bitten um ein Autogramm. Das empfinde ich als Ehre, ich mache das gerne.

Frage: Viele in diesem Land hielten die Position des Spielmachers für ausgestorben. Sie sind der lebendige Gegenbeweis.

Özil: Ich habe nie gesagt, dass es keine Spielmacher mehr gibt.

Frage: Beschreiben Sie mal Ihre Spielweise.

Özil: Meine Lieblingsposition ist genau diese Position, die des Spielmachers. Die habe ich schon in der Jugend eingenommen. Da fühle ich mich wohl. Wenn ich den Ball habe, will ich unbedingt etwas für die Offensive machen.

Frage: Lassen Sie sich dabei mehr von Ihrem Kopf oder Ihrem Gefühl leiten?

Özil: Mein Spiel entspringt einer Mischung aus beidem. Natürlich darf ich auf dem Platz das Denken nicht vergessen. Wenn der Ball kommt, muss ich wissen, was ich machen muss. Das Gefühl benutze ich, wenn ich den Gegenspieler nicht sehe, irgendwie muss ich ja reagieren.