Frage: Man hat oft das Gefühl, dass Sie sich spät entscheiden, dass Sie auch immer noch etwas anderes im Kopf haben und so den Gegner überraschen.

Özil: Wenn man sich entschieden hat, doch plötzlich kreuzt ein Gegenspieler den ausgedachten Weg des Balles, muss man sofort eine neue Lösung parat haben. Ich glaube, dass ich diese Gabe schon habe.

Frage: Worauf also kommt es auf dieser Position an: auf gedankliche Schnelligkeit oder geschickte Füße?

Özil: Beides. Man muss schon mit dem Ball umgehen können, um die Gedanken umsetzen zu können. Aber natürlich helfen mir meine Mitspieler dabei, indem sie mir Laufwege anbieten.

Frage: Was an Ihrer Spielweise ist türkisch und was deutsch?

Özil: Türkisch ist vielleicht das Technische, das Ballgefühl. Und deutsch ist mit Sicherheit die Disziplin, die Einstellung, das Immer-Gas-Geben.

Frage: Haben Sie das im Affenkäfig gelernt, wie Sie Ihren Bolzplatz der Jugend nannten?

Özil: Ja, ich habe damals öfter gegen sehr viel Ältere gespielt, Freunde meines Bruders. Da ging es um Tricks, um Durchsetzungsvermögen. Das hat mich weitergebracht.

Frage: Worin unterscheidet sich das Spiel im Affenkäfig von dem mit der Nationalelf?

Özil: Im Affenkäfig ging es nur fünf gegen fünf, meistens jünger gegen älter. Und wir haben jedes Mal um etwas gespielt: Der Verlierer musste das Essen ausgeben. Das hat mich sehr motiviert.

Frage: Was motiviert Sie heute?

Özil: Ich habe unheimlich viel Spaß auf dem Platz, an dem, was ich tue. Ich bin immer hungrig gewesen auf Erfolg.

Frage: Dann träumen Sie schon von der WM?

Özil: Natürlich, das war mein großes Ziel. Das nächste ist jetzt der Titel. Aber bis dahin muss ich gesund durch die Saison kommen und konstant Leistung bringen, denn jeder will doch spielen bei einer WM. Und wir haben viele gute Spieler im Kader. Auch Trochowski oder Podolski können diese hängende Position spielen.

Frage: Das Uefa-Cup-Finale im Mai lief an Ihnen vorbei. Danach aber gewannen Sie den DFB-Pokal und überzeugen jetzt sogar in der Nationalelf. Sie scheinen immer besser mit Drucksituationen klarzukommen.

Özil: Auf dem Platz empfinde ich keinen Druck. Noch nie. In Istanbul hatte ich keinen guten Tag, leider. Aber ich bin inzwischen etwas reifer, selbstständiger und robuster geworden. Ich konzentriere mich auf mich und meine Leistung.

Frage: Wie schaffen Sie das bei all dem Trubel um Sie herum? Schließlich hat der Bundestrainer Ihretwegen das System verändert.

Özil: Daran will ich gar nicht denken. Außerhalb des Platzes hilft mir meine Familie. Aber es gibt auch einige Spieler, speziell die Bremer, die mir helfen. Ich will mich weiterentwickeln, das muss ich. Es gibt auch Beispiele, wo es leider nicht geklappt hat. Ich denke an Sebastian Deisler, dem ich damals als kleiner Junge vor dem Fernseher begeistert zugesehen habe. Ich habe es bedauert, dass er aufgehört hat. Ich hoffe, dass ich gesund bleibe, ich könnte ohne Fußball nicht.

Frage: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die deutsche Hymne hören?

Özil: Ich bete. Zuerst in der Kabine, dann während der Hymne und dann noch einmal, direkt bevor das Spiel losgeht.

Frage: Machen Sie das erst als Nationalspieler?

Özil: Nein, das tue ich seit der Jugend schon, natürlich ohne Hymne. Ich spreche Verse aus dem Koran in mich hinein. Das gibt mir Kraft und erleichtert mich. Wenn ich das nicht machen würde, dann hätte ich ein schlechtes Gefühl.

Das Gespräch führte Michael Rosentritt.