Um 14.01 Uhr trat Hermann Maier, der größte Österreichische Sportler, vor die Presse und verkündete seinen Rücktritt vom Skisport. Mehrmals kämpfte Maier während seiner kurzen Erklärung mit den Tränen, um dann, nach einer halben Stunde, mit einem dürren Satz seine Karriere zu beenden: "Ich wollte nie ein Sieger werden."

Nein, werden wollte er das nie. Schließlich war er der geborene Sieger. Es konnte nur eine Volte der Geschichte sein, dass er so spät, als 24-Jähriger, für den Skisport entdeckt wurde. Von da an fuhr er von Erfolg zu Erfolg, der Konkurrenz ließ er keine Chance. Beinahe unbesiegbar war dieser Athlet, der die Tore nicht umfuhr, sondern sich in sie hineinwarf und die Gegner im Ziel gleich mehrere Sekunden hinter sich ließ. Der Herminator! Die Skination Österreich sonnte sich im Erfolg des Ausnahmetalents. Kein Wunder, denn der gelernte Maurer aus Altenmarkt/Salzburg tilgte jene Schmach, die Ende der Achtziger über das Land gekommen war. Damals fuhren die Schweizer Skistars, allen voran Pirmin Zurbriggen, den Nachbarn davon. Erfolge, die einzig und allein dem "Wunderwachs" geschuldet waren, wie man in Österreich in einer Mischung aus Verzweiflung und Neid raunte.

Durch den Salzburger trat wieder der Athlet in den Vordergrund, der mit seiner Körperlichkeit ein ganzes Land in den Bann zog. Hermann Maier war besser als Wunderwachs. Der Herminator am Heimtrainer, der Herminator beim Waldlauf, der Herminator in der Fitnesskammer – fasziniert saß da ein Volk vor den Fernsehapparaten und sah zu, wie sich ein Idol für sein Land quälte. Hermann Maier, Medienstar. Egal, ob vor Rekordzuschauerkulisse beim Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel, beim Aprés Ski in Flachau oder beim Sommerurlaub auf der Südseeinsel – überallhin verfolgten ihn die Kameras. Dass Maiers Witze oft gequält wirkten, in seinem kantigen Gesicht selten eine emotionale Regung zuckte, sein Einzelgängertum nicht nur einmal den Zusammenhalt im rot-weiß-roten-Skiteam gefährdete – all das ging im Jubel unter, der sich ab 1998, als er bei der Abfahrt der Olympischen Winterspiele in Nagano schwer stürzte, zur Legendenbildung verklärte. "Wenn ich jetzt noch Gold gewinne, bin ich unsterblich", sagte er unmittelbar nach dem Sturz. Drei Tage später gewann er Gold im Super-G. Danach Gold im Riesenslalom. Hermann Maier, der Unzerstörbare.

Ein Schicksalsschlag sollte dem Unangreifbaren ermöglichen, auch als Mensch in die Sportgeschichte einzugehen. Als im August 2001 nach einem schweren Motorradunfall Maiers Karriere jäh zu enden schien, nahmen selbst jene an seinem Leben Anteil, die zuvor mit dem Skisport, mit der närrischen Verzückung, kaum etwas anfangen konnten. Fernsehen und Zeitungen nahmen sich des zerfetzten Unterschenkels der Nation an. Das Land stand am Bett des gefallenen Helden. Ganz Österreich grübelte über die veröffentlichten Ärzte-Dossiers. Wer damals, in der Zeit nach dem Unfall, in einen österreichischen Wintersportort kam, traf sicher auf einen Einheimischen, der jemanden kannte, der wiederum jemanden kannte, der von jemandem aus dem Umfeld des Verunglückten wusste, dass es mit der Karriere vorbei sei. Oder dass er sicher wieder fahren würde.

Als Maier im Winter 2003 tatsächlich wieder zurück kam und gleich wieder triumphierte, war aus der Legende ein Mythos geworden. Maier selbst indes war ein Anderer geworden: Sensibler, zufriedener, dankbarer. Der Sieg war ihm keine Manie mehr. Er war ein Überlebender, der sich mit eisernem Willen zurück gekämpft hatte. Zweifellos der größte Sieg seiner Karriere.