Boston, Brigham Women´s Hospital, 16. Stock, Zimmer 91d: Auf einem großen Tisch stehen fünf riesige Blumensträuße, auf dem Nachtschrank stapeln sich DVDs und Zeitschriften, im Bett liegt Dara Torres. Das linke Bein der 42-jährigen US-Schwimmerin ist verbunden und auf einer beweglichen Schiene fixiert. Ein kleiner Elektromotor treibt die Vorrichtung an, durch die das Bein langsam gebeugt und gestreckt wird. Torres hat sich vor einer Woche ihr Schienbein gebrochen, genauer: Sie hat es sich brechen und versetzen lassen, damit sich um ihre von Arthritis befallene Kniescheibe eine neue Knorpelschicht bilden kann. Denn sie will 2012 in London zum sechsten Mal bei Olympischen Sommerspielen starten. Das erste Gold gewann sie 1984. Während Torres sämtliche US-Medien mied, gab sie 48 Stunden nach ihrer Operation am Krankenbett ZEIT ONLINE ein Exklusiv-Interview.

ZEIT ONLINE: Dara Torres, wie geht es Ihnen nach der Operation?

Dara Torres: Es geht mir ganz gut. Ich habe noch einige Schmerzen, die ersten 24 Stunden waren schlimm. Denn die Schmerzmittel habe ich sofort wieder erbrochen. So was habe ich vorher noch nicht erlebt.

ZEIT ONLINE: Welche Verletzung haben Sie genau?

Torres: Ich habe links einen Knorpelschaden, genauer: Ich habe überhaupt keinen Knorpel mehr unter meiner Kniescheibe. Bereits nach den Sommerspielen in Peking hatte ich Knieschmerzen, und innerhalb von zehn Monaten ist der Knorpel komplett zurückgegangen. Damit sich jetzt neuer Knorpel bilden kann, musste mein Schienbein durchgesägt werden, um etwas Raum im Knie zu schaffen und die Kniescheibe zu entlasten. Die Operation hat dreieinhalb Stunden gedauert, und die Regeneration wird sogar zwischen einem und anderthalb Jahren in Anspruch nehmen. Aber ich wollte 2010 ohnehin pausieren, daher ist das nicht so schlimm.

ZEIT ONLINE: Ist das kaputte Knie das Ergebnis von mehr als 25 Jahren Leistungssport?

Torres: Ich denke, es ist zum einen genetisch bedingt. Meine Mutter hat ein künstliches Knie, meine Schwestern und mein Bruder hatten ebenfalls Knieprobleme. Und der Rest sind sicher Abnutzungserscheinungen durch jahrelanges Krafttraining.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie gedacht, als Ihr Doktor sagte, dass Ihr Schienbein durchgesägt werden muss?

Torres: Das Erste, was ich meinen Doktor gefragt hatte, war, ob diese Operation wirklich notwendig ist. Er meinte nur, dass sie absolut notwendig sei. Daraufhin habe ich gesagt: Dann lassen Sie uns loslegen! Doch für mich war viel erschreckender gewesen, als der Arzt mir nach der Operation die Röntgenaufnahmen zeigte und ich herausfand, wie sehr mein Knie verletzt war. Ich wusste, dass das Gelenk kaputt ist, denn ich hatte täglich Schmerzen. Aber ich hatte keine Ahnung, dass das Knie total zerstört war. Und der Doktor war sogar überrascht, dass ich im Sommer noch bei der Weltmeisterschaft in Rom geschwommen bin.

ZEIT ONLINE: Was fühlt man, wenn man sich freiwillig so etwas antun lässt?

Torres: Als ich über die Operationsmethode Näheres las, wurde ich panisch. Schienbein durchsägen, Kniescheibe anheben – ich war total verängstigt. Aber wissen Sie, was das Schlimmste für mich ist?

ZEIT ONLINE: Was?

Torres: Dass ich ganz viel Geduld haben und genau den Anweisungen des Doktors folgen muss. Das wird sehr hart für mich, weil ich ein fast schon hyperaktiver Mensch bin, der immer seinem Zeitplan voraus ist. Aber diesmal muss ich mich wirklich gedulden, denn es dauert rund neun Monate, bis sich neuer Knorpel gebildet haben wird. Aber ich kann vermutlich in drei Wochen bereits mit leichtem Aquajogging beginnen.

ZEIT ONLINE: Und das alles, weil Sie 2012 in London dabei sein wollen?

Torres: Ausschlaggebend war, dass ich mein Alltagsleben wieder haben wollte. Ich konnte vor Schmerzen nicht mehr in die Knie gehen oder Treppen steigen. Schwimmen ist sekundär. Aber ich möchte zumindest gerne in einem Jahr die Option haben, mich auf London vorbereiten zu können.