Frage: Sie leiden seit Jahren an Depressionen. Haben Sie deshalb im vorigen Sommer Ihre Karriere als Profifußballer beendet?

Antwort: Ich habe zehn Jahre im Profifußball gespielt. Am Ende zwangen mich meine Panikattacken und Angstzustände und die Schmerzen, unter denen ich spielte, mich von meinem Traum zu verabschieden. Ich hätte kein Spiel ohne psychologische Behandlung mehr geschafft. Ich habe jahrelang das Umfeld, die Vereine und Mitspieler nicht darüber informiert und versucht, die Probleme mit Therapien und Überspielen in den Griff zu bekommen.

Frage: Sie sind auf uns zugekommen, um Ihre Geschichte zu erzählen. Warum öffnen Sie sich jetzt?

Antwort: Das hängt sehr mit dem Fall Robert Enke zusammen...

Frage: ... der Nationaltorwart, der an Depressionen litt und sich selbst tötete.

Antwort: Ja, das ist ein paar Wochen her und es wird wieder weggesehen. Und zwar so hartnäckig, dass es für mich unerträglich ist. Das ist kein Einzelfall, es gibt diese Probleme im Profifußball. Ich weiß, wovon ich spreche.

Frage: Wie viel Mut gehört dazu, zu dieser Krankheit offen zu stehen?

Antwort: Diese Krankheit, die als Sinnbild für Schwäche und Versagen steht, passt nicht zu diesem Leistungssystem. Es wird schwer, eine Selbsthilfegruppe zu finden, weil jeder froh ist, sich damit nicht identifizieren zu müssen.

Frage: Kritisieren Sie den öffentlichen Umgang mit dem Fall Enke?

Antwort: Überhaupt nicht. Er litt an Versagensängsten, daran, es nicht allen recht machen zu können. Ich habe ihn oft beobachtet, ich wusste nichts von seiner Krankheit, aber er passte da irgendwie nicht rein. Er lief neben seinem Image her.

Frage: Wie kommen Sie darauf?

Ich habe in der Jugend beim FC Bayern gespielt, dort hab ich schon die Ellenbogengesellschaft zu spüren bekommen.

Antwort: Mir gefiel seine Sensibilität, die er sich bewahrt hatte. Das findet man nicht oft. Ich kenne welche, die sehr viel Geld verdienen, die ihr Geld zeigen. Dürfen sie ja auch. Enke zeigte Fürsorge. Er verkörperte etwas, mit dem man sich identifizieren konnte. Meine Freundin schaute sich die Berichterstattung wegen Frau Enke an, da sie zum Teil dieselben Worte benutzt: Komm, das schaffen wir schon! Fußball ist nicht alles! Wir haben uns doch! Aber ich kriege einen Vogel, wenn ich höre, dass das DSFmit vielen Kameras da war, selbst vor der Kirche, um Trauernde beim Busaussteigen zu filmen, und noch zwei Leute im Studio sitzen wie bei einem Live-Spiel. Ich muss nicht die halbe Nation vor dem Fernseher sitzen haben, um an etwas teilzunehmen, wovon die meisten keine Ahnung haben.

Frage: Viele waren ehrlich betroffen.

Antwort: Das glaube ich sofort. Denen gegenüber bin ich ungerecht. Doch für mich ist der Übergang in diesem Punkt von Teilnahme zum Voyeurismus fließend.

Frage: Leiden Sie heute an Depressionen?

Antwort: Ich habe zwölf Jahre beim FC Bayern gespielt, bis hoch zur A-Jugend, wo ich schon die Ellenbogengesellschaft zu spüren bekommen habe.

Frage: Das gehört zum Leistungssport.

Antwort: Schon, aber es geht immer um das Wie. Wer damals als Spieler hinzukam, der war kein Kollege, sondern ein Feind.

Frage: Der bekämpft wird nach dem Motto: Den lassen wir hier nicht rein?

Antwort: Nicht wir, sondern: Ich lasse ihn hier nicht rein! Ellenbogen raus! Das wurde gefördert, und es wird ja immer schlimmer im Jugendbereich. Da werden schon Sieben- und Achtjährige gescoutet und in Datenbanken erfasst, die über Jahre hinweg verfolgt werden. Dann wird gesagt: Wir holen vier Neue, dafür gehen vier raus. Was aus denen wird, interessiert keine Sau. Ich war damals noch Spielführer, bekam dann aber woanders einen Profivertrag.

Frage: Sie waren am Ziel.

Antwort: Nein, der Trainer war damals kein Freund der Jugendförderung. Der hat einen gern vor allen anderen kritisiert. Nach eineinhalb Jahren war ich da fertig, mundtot. Ich wollte alles hinschmeißen und nach Neuseeland auswandern.

Frage: Warum das denn?

Antwort: Weil es weit weg war. Ich wollte alles aufgeben, wofür ich in der Kindheit und Jugend gearbeitet hatte. Aber dann kam ein Angebot eines ambitionierten Klubs. Ich nahm es an, konnte aber keinen Ball mehr stoppen. Ich habe den Käfig mitgenommen, ich konnte nicht mehr.

Frage: Welchen Käfig?

Antwort: Ich meine die seelische Beklemmung. Ich wusste damals nichts von Depressionen. Ich war mit achtzehn körperlich stark ausgebildet, aber ich wusste nicht mehr weiter. Ich hatte für zwei Jahre unterschrieben und wusste nicht, wie ich das schaffen sollte.