Magische Momente im Handball haben häufig mit Torhütern zu tun. Als die bundesdeutsche Mannschaft von Vlado Stenzel 1976 im mythischen innerdeutschen Duell siegte und sich für die Olympischen Spiele in Montreal qualifizierte, starrten Millionen an den Fernsehgeräten auf Manfred Hofmann. Der Stoiker aus Großwallstadt parierte den letzten Siebenmeter von Hans Engel. 2004, im olympischen Viertelfinale gegen Spanien, verbarrikadierte Henning Fritz sein Tor und ließ im entscheidenden Siebenmeter-Werfen nicht ein einziges Gegentor zu. Und auch 2007 setzte Fritz mit seinen Paraden in der Hauptrunde gegen Slowenien und Frankreich das Fanal; seine Reflexe endeten schließlich, lärmumtost in der Kölnarena, im triumphalen Weltmeistertitel.

Diese Auswahl dokumentiert, wie abhängig eine Mannschaft vom Leistungsstand ihres Torhüters ist. Auch das Team von Bundestrainer Heiner Brand ist für die am Dienstag beginnende Europameisterschaft in Österreich zwingend angewiesen auf einen überragenden Schlussmann in den Schlussphasen, in denen sich die Duelle gleichwertiger Gegner oft entscheiden. Freilich überwiegt derzeit Skepsis bei vielen Experten. Denn die Frage, wer den neuen Fritz darstellt, ist unbeantwortet. Aktuell scheint kein deutscher Torhüter zu solchen Taten in der Lage. Auf Stars zwischen den Pfosten, wie sie Olympiasieger Frankreich mit Thierry Omeyer oder Spanien mit dem hispanisierten Serben Arpad Sterbik aufbieten, kann Brand derzeit nicht zurückgreifen.

Drei Torhüter hat das Traineridol für die Europameisterschaft nominiert, niemand ist in Topform, und alle haben momentan einen Rucksack zu tragen. Johannes Bitter, der sich in den vergangenen Jahren zur Nummer eins gemausert hatte, musste sich Ende Dezember noch einmal wegen freier Gelenkkörper am Ellenbogen operieren lassen. Ein Routine-Eingriff für einen Handballprofi, doch Bitter fehlten nun wichtige Tage im Aufbautraining. Er feierte zwar vor einer Woche ein solides Comeback gegen Island (29:33). Aber beim letzten Test zog er zweimal unbewusst seinen verletzten linken Arm zurück und ließ so Tore zu. "Eigentlich ist alles in Ordnung mit dem Arm, ich weiß auch nicht, warum ich das gemacht habe", sagte der 27-Jährige.

Bitter kämpft freilich auch gegen mangelnde Konstanz. Obwohl sein Klub HSV Hamburg die Tabelle der Bundesliga anführt, waren seine Leistungen eher wechselhaft; am Schluss der Hinserie stand nicht er im Gehäuse, sondern der Schwede Per Sandström.