Kleiner Abstecher vom Schnee ins Schatzkästlein der Fußballweisheiten: Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers. Hat Jens Lehmann gesagt. Dieses ewige "Was wäre gewesen, wenn ...?" Was wäre gewesen, wenn die Doppelolympiasiegerin Magdalena Neuner doch die Biathlonstaffel mitgelaufen wäre und ihren Startplatz nicht Martina Beck überlassen hätte? Hätten die deutschen Damen dann den Russinnen Paroli bieten und gewinnen können? Was wäre gewesen, wenn Kati Wilhelm nicht als Vierzehnte nach dem ersten Schießen aus dem Stadion gelaufen wäre, das sie doch als erste erreicht hatte? Was, wenn die Schlussläuferin Andrea Henkel ihre allerletzte Scheibe getroffen hätte? Hätte sie dann genug Vorsprung auf die entfesselt laufende Sandrine Bailly gehabt und statt Bronze Silber gewonnen?

Spekulieren hilft nicht. Die Deutschen haben um die Goldmedaille gekämpft, aber schon nach der Hälfte des Rennens war klar, dass Russland an diesem Tag, an dem Regen und Schnee zu den Winterspielen zurückkommen, nicht zu schlagen ist.

"Die Russen haben alle ein Führungsgen", sagt Sven Fischer, der frühere Weltklassebiathlet, der noch am Morgen für die Kolleginnen die Skier getestet hat und nun hinter dem Bundestrainer Uwe Müßiggang am Schießstand steht und mitfiebert. Er weiß, welcher Druck gerade auf der letzten Läuferin lastet. "Erst wenn du den letzten Treffer gesetzt hast, fällt alles von dir ab, das Gewicht der ganzen Nation, das auf dir liegt. Das sind unbeschreibliche Glücksgefühle."

Biathlon-Staffeltage sind olympische Nationalfeiertage in Deutschland. Wenn beste Sendezeit ist, hocken schon mal neun Millionen Zuschauer vor den Fernsehgeräten. Und man muss schon viel Selbstvertrauen haben, um zu vergessen, dass sie einem beim Schießen über die Schulter schauen.

Drei Dinge brauche der Biathlet, hatte mir vor den Spielen der Schlussläufer der goldenen Albertville-Staffel von 1992 Fritz Fischer erklärt, der älteren der beiden Biathlon-Fischers, nicht verwandt, nicht verschwägert: den Willen, sich schinden zu können; ein sicheres Auge, um schießen zu können; und keine Angst vor vielen Zuschauern und dem Zauberwort Olympia. Er hat es in seiner aktiven Karriere immer verstanden, den Spieß umzudrehen und sich darauf zu freuen, vor so vielen Leuten den Sport ausüben zu dürfen. "Es ist für den Weltklasseathleten immer eine Gratwanderung zwischen dem Anspruch auf Perfektion und der nötigen Lockerheit", hatte Fischer gesagt. "Wenn es mich am Renntag morgens beim Zähneputzen gewürgt hat vor Anspannung, kamen meine besten Rennen raus. Dir muss schlecht sein vor Konzentration. Wenn du nicht nervös bist, wird es kein gutes Rennen."

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Doch inzwischen ist der Hype um diese deutsche Kernsportart noch viel größer geworden, auch wenn die Stimmung bei den Wettbewerben in Kanada nicht an die der Weltcups in Oberhof oder Ruhpolding herankommt. Dort stehen 20.000 fanatische Fans direkt hinter den Schießbahnen, bei den olympischen Rennen sind es nur 4500 auf einer flachen Tribüne, deren fernes Ende irgendwo am Ende des Schießstandes ausläuft. Vor dem Beginn des Rennens versucht der Kommentator, den biathlonfernen Nordamerikanern das richtige Benehmen beizubringen: Bei einem Treffer schreit man "Yeeaaah!", und bei einer Fahrkarte "Ooooohh!", und das üben dann alle gemeinsam.