Hatten sie überhaupt eine Chance? Ich meine: Kanada hat Eishockey erfunden, als wir noch, nun ja, nicht gerade auf den Bäumen hockten, aber mit der Postkutsche fuhren. 1788 war das, als die Jungs von der King’s College School in Nova Scotia, Kanada, das Feldspiel Hurling auf das Eis ihres Long Pond übertrugen. Und wer hat den Puck erfunden? Natürlich ein Kanadier. Wer hat die ersten Regeln aufgestellt? Raten Sie mal! Und wer hat bei den ersten sieben Olympischen Spielen sechsmal Gold gewonnen? Richtig, Kanada.

So gesehen ist Deutschland mit dem 2:8 im Play-off-Spiel gegen Kanada sogar noch gut bedient. "Wir haben, auf gut Deutsch gesagt, auf den Sack bekommen", sagt Kai Hospelt, Angreifer von den Grizzly Adams Wolfsburg. "Aber das erlebt man auch nur einmal im Leben, gegen die besten Kanadier in Kanada in einem komplett roten Stadion anzutreten."

Und dann noch in einem Spiel, in dem es um nicht weniger geht als die Ehre der kanadischen Nation. Siege im Eistanzen und Skeleton mögen schön und gut sein; Gold im Eishockey ist für die Gastgeber die wichtigste Medaille bei diesen Spielen. Und die hing nach der Niederlage gegen die USA (3:5) am Sonntag plötzlich am seidenen Faden. Ein Qualifikationsspiel war nötig geworden, während die anderen Favoriten gleich durchmarschiert sind ins Viertelfinale – welche Schmach!

Um die zu tilgen, legen die Roten gegen die Deutschen los wie die Feuerwehr. Als hätten sie ständig einen Mann mehr auf dem Eis, setzen sie sich vor dem deutschen Tor fest. Pardon wird nicht gegeben, bei jedem Bodycheck gegen die körperlich unterlegenen Deutschen jubelt das Publikum frenetisch. "Ich bin hier am unteren Rand der Durchschnittsgröße", sagt Hospelt (1,85 Meter) später, "da wird’s auf der kleinen Eisfläche noch mal schwerer in den Zweikämpfen".

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Schon nach acht Minuten muss eine der Plexiglasscheiben hinter dem deutschen Tor ausgetauscht werden, so heftig ist es unter Beschuss geraten. Zehn Minuten lang funktioniert die deutsche Taktik: eisern verteidigen und beten. Dann ertönt zum ersten Mal die Ozeandampferhupe, mit der im Canada Hockey Place ein Tor angezeigt wird. Zum Weckruf für die Deutschen wird er allerdings nicht, sie haben weiter Daueralarm vor ihrem Tor, können dabei von den Kanadiern aber vor allem eins lernen: wie man selbst die klarsten Torchancen versiebt. 14:4 heißt die Torschussstatistik am Ende des ersten Drittels.

Aber es steht nur 1:0. Daher beginnt das zweite Drittel, wie das erste endete: als heiteres Scheibenschießen aufs deutsche Tor. Über den zweiten kanadischen Treffer muss aber erst ein kleines filmanalytisches Hauptseminar mit Auswertung der Torkamerabilder abgehalten werden, ehe die Hupe den Fortgang des deutschen Untergangs markerschütternd kundtut.