Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung. Das müssen nun die kanadischen Gastgeber dieser Spiele erfahren. Own The Podium haben sie ihr ehrgeiziges Programm genannt, mit dem sie Platz eins in der beliebtesten olympischen Sportart erreichen wollten, dem Medaillenzählen. Nach nunmehr zehn Tagen Hochbetrieb haben sie zehn der riesigen, elegant geschwungenen Plaketten eingesackt, davon die Hälfte in Gold, jede von ihnen ein kunsthandwerkliches Unikat. Insgesamt ist das nur eine mehr als Korea und Österreich, Länder, die entweder nicht Skilaufen oder nicht Eislaufen können.

24 Medaillen waren es vor vier Jahren in Turin gewesen, das reichte für Platz 5 hinter Deutschland, den USA, Österreich und Russland. Jetzt sind die Amerikaner mit 25 Medaillen bereits enteilt, die Deutschen mit 21 ebenfalls, und so lassen die hämischen Headlines daheim und bei der internationalen Konkurrenz nicht auf sich warten: Flown The Podium, Blown The Podium - vor dem Siegertreppchen davonlaufen würden die Kanadier oder es gar in die Luft sprengen.  

47 Millionen kanadische Dollar ist das Programm schwer, davon gehen 11 Millionen in den Wintersport. Nun, da vor allem die kanadischen Skirennfahrer mächtig ins Straucheln gekommen sind, muss Chris Rudge, der Generalsekretär des Kanadischen Olympischen Komitees, sich rechtfertigen.

Haben nicht das Programm und sein großsprecherischer Name zuviel Druck auf die Athleten ausgeübt? Eine Million Dollar waren zum Beispiel für einen Sieg im Rodeln ausgesetzt. Die Skeleton-Fahrerin Mellisa Hollingsworth, die nach unerklärlichen Fehlern in ihrem letzten Lauf noch von Platz zwei auf fünf zurückfiel, weinte bittere Tränen und sagte, sie habe das ganze Land im Stich gelassen. Wie will man bei so einer Erwartungshaltung noch die nötige Lockerheit für große Leistungen haben?

"Bei einem Programm wie diesem muss man ein quantifizierbares Ziel haben", sagt Rudge auf einer Pressekonferenz in Vancouver. "Und in den vergangenen fünf Jahren, in denen das Programm lief, haben wir die Zwischenziele erreicht und sogar übertroffen. Haben wir die Erwartungen deshalb zu hoch geschraubt? Mit den Erkenntnissen von heute würde ich sie sicher anders formulieren. Sollten wir für die Zukunft einen anderen Namen für das Programm wählen? Vielleicht."  

Zwar rechnen die stolzen Kanadier immer noch ihre Medaillenchancen für die kommenden Tage hoch, und die Zeitungen haben einen Achtjährigen aufgetan, der alle Platzierungen nach einem komplizierten dualen System in Dollar umrechnet - demnach hat das kanadische Team am meisten verdient. Doch Rudge lebt nicht "im Paradies eines Verrückten", wie er sagt, und rechnet nicht mehr damit, die Amerikaner noch einzuholen. "Aber wir werden nicht das Handtuch werfen. Das macht man nie in einem großen Kampf."

Die Quittung werden ihm die Geldgeber nach dem Ende der Spiele präsentieren, und daran mag Rudge gar nicht denken: "Es ist immer schmerzlich, eine Autopsie vorzunehmen, wenn der Patient noch lebendig ist und zuckt." Aber dass er wohl private Fördergelder verlieren wird, darüber macht er sich keine Illusionen.