Daniel Mallett hat gerötete Augen, seit dem frühen Morgen hockt er hinter schwarzen Samtkissen und erzählt die Geschichte von olympischen Medaillen. Wieder betritt eine kleine Gruppe den engen Saal, zaghaft nähern sich die Gäste, sie tragen rote Hemden mit gestickten Ahornblättern auf der Brust. Die Medaillen dürfen sie nur mit weißen Schutzhandschuhen berühren. "Das habe ich noch nicht erlebt", sagt der Kanadier Mallett, früher Biathlet, heute Ausstellungsleiter. "Die Leute sind überwältigt." Zehn Minuten dauert sein Vortrag, dann öffnet sich die Tür und die nächste Gruppe ist an der Reihe – auch sie hat auf diesen Moment dreieinhalb Stunden warten müssen.

Hundert Meter windet sich die Schlange vor dem Mint Pavilion durch die Granville Street, die beliebteste Einkaufstraße in Vancouver Downtown. Sie ist ein Zeichen von vielen für die Begeisterung der Kanadier an den Olympischen Spielen, von der die Kanadier selbst am meisten überrascht sind. Fans zahlen hohen Eintritt, um in einem stickigen Zelt Eishockey auf Leinwänden oder in einem Hallenstadion die bloße Medaillenübergabe verfolgen zu dürfen. Selbst vor dem Fanartikelshop bildet sich eine Schlange. Bis in die Nacht ziehen Tausende kostümiert durch die Straßen. "Normalerweise gehen wir mit Sport nicht so emotional um wie viele Amerikaner oder Europäer", sagt Daniel Mallett.

Die Kanadier verfassen ihr spezielles Kapitel der unendlichen Geschichte, wie ein sportliches Großereignis die Identität einer Stadt beeinflussen kann, vielleicht sogar einer Nation – zumindest vorübergehend. "Sport ist Projektionsfläche für Sehnsüchte", sagt Diethelm Blecking, Historiker und Sportwissenschaftler aus Freiburg, der Nationenbildung durch Sport lange erforscht hat. Leitmotive jeder Gesellschaft spiegeln sich im Sport: Stärke, Selbstvertrauen, Solidarität, Teamfähigkeit oder Respekt vor dem Verlierer.

"Sport als Bindeglied ist Jahrtausende alt", sagt Blecking. Schon die Olympischen Spiele der Antike führten die zersplitterten Teile des griechischen Reichs zusammen. Friedrich Ludwig Jahn lehnte seine Turnbewegung im frühen 19. Jahrhundert an die Nationalbewegung an, um die Jugend auf den Kampf gegen Napoleon einzustimmen. In der jüngeren Geschichte forcierte der heimische WM-Sieg der südafrikanischen Rugby-Mannschaft 1995 die Aufarbeitung der Apartheid. Die australische Läuferin Cathy Freeman lenkte 2000 in Sydney die Aufmerksamkeit mit ihrem Olympiasieg auf das vernachlässigte Erbe der Ureinwohner. Und die Deutschen nutzten die Fußball-WM 2006 als Debattierforum über Patriotismus und Selbstverständnis. Jedes Land hat seine Geschichte – Sport zur Justierung von nationaler Identifikation.