Olympiasieger ohne berufliche Perspektive

Er musste nichts sagen, nichts erklären, nicht über Afghanistan, nicht über die Zankereien der Bundesregierung. Karl-Theodor zu Guttenberg musste einfach nur dasitzen, kerzengerade in einem knallroten Bob, eine schwarz-rot-goldene Fahne halten und grinsen. So posierte der Verteidigungsminister im Deutschen Haus in Vancouver bei seinem Besuch der Olympischen Spiele, gemeinsam mit Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). In der endlosen Rangliste der peinlichen Politiker-Motive hat diese Szene einen Ehrenplatz verdient. Guttenberg wird das egal sein, er durfte von Sportlern schwärmen und über Medaillen reden, die dem Ansehen der Heimat dienen: "Ich spüre unter den Athleten eine hohe Motivation und eine Stimmung, die beispielgebend ist." Rhetorisch würde er es unter Sportfunktionären weit bringen.

Es ist fast Tradition, dass der Verteidigungsminister deutschen Sportlern bei Olympischen Spielen einen Besuch abstattet, schließlich ist die Bundeswehr einer ihrer wichtigsten Förderer. In Vancouver sind formell 62 der 153 deutschen Teilnehmer Guttenberg unterstellt. Der CSU-Minister wurde nicht müde, die Leistung der Sportsoldaten hervorzuheben. "Wir sind stolz auf unsere Athleten, und ich bin froh, dass der Staat ein Stück weit zu ihrer Entfaltung beitragen kann." Klingt nach einem friedlichen Auslandseinsatz mit hohem Spaßfaktor, unumstritten und ehrenvoll. Doch nur auf den ersten Blick.

Insgesamt sind 100 Staatsathleten aus Deutschland nach Kanada gereist, denn auch die Polizei und der Zoll fördern Leistungssportler. Nur unter den Eishockeyspielern findet sich keiner von ihnen. Bei den vergangenen Winterspielen in Turin 2006 hatten 73 Sportsoldaten 65 Prozent der Medaillen gewonnen. Der Staat alimentiert den Spitzensport, das scheint in Deutschland völlig normal zu sein. "Ohne die Bundeswehr wäre unsere Sportförderung auf diesem hohen Niveau nicht aufrechtzuerhalten", sagt Michael Vesper, Generaldirektor des DOSB. "Die Sportsoldaten tragen zur nationalen Repräsentation der Bundeswehr bei. Das ist eine Win-Win-Situation."

Insgesamt sind 824 Sportler bei der Bundeswehr beschäftigt, sie werden mit rund 20 Millionen Euro im Jahr gefördert. Ihre militärischen Pflichten halten sich in Grenzen, im Mittelpunkt steht die Produktion von Medaillen. Nimmt man Polizei, Zoll und Feuerwehr als Förderer hinzu, kommt man auf über 1000 Sportler, die im Dienste des Steuerzahlers sprinten, schießen oder rodeln.

Wird Deutschland von einem Staatssport dominiert? Ist dieses Modell, das während des Kalten Kriegs geschaffen und von totalitären Systemen wie der Sowjetunion und China auf die Spitze getrieben wurde, im Zeitalter von Kommerz und Doping noch zeitgemäß? Michael Vesper verweist auf die Vorbildfunktion der Athleten und den hohen gesellschaftlichen Stellenwert des Sports. Außerdem würden andere Länder weit mehr Geld aus der Staatskasse beziehen.

Verteidigungsminister Guttenberg pflichtet ihm bei: "Was ist daran verwerflich, wenn der Staat unseren Sportlern unter die Arme greift?" Nimmt man alle Kosten zusammen, so steckt der Bund 2010 etwa 250 Millionen Euro in die Sportförderung. In Kanada zum Beispiel müssen sich Sportfunktionäre seit Langem für ihren Apparat rechtfertigen: Umgerechnet 80 Millionen Euro erhielten die Verbände für die Entwicklung ihrer Athleten und ihrer Infrastruktur – allerdings für einen Zeitraum von fünf Jahren. Verglichen mit der deutschen Sahnetorte sind das winzige Krümel.

Kritik an der fehlenden Ausbildungspflicht für Sportsoldaten

Wolfgang Maennig ist einer der wenigen, die ein System hinterfragen, das nie hinterfragt wurde. "Der Sport möchte vom Staat immer unabhängig sein. Zum Beispiel im Anti-Doping-Kampf. Ausgerechnet bei Olympia will der Sport von dieser Autonomie wenig wissen." Maennig ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg. Er ist Gründungsmitglied der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Sportbundes. 1988 wurde er Olympiasieger im Rudern. Er überzeichnet die Winterspiele provokant als "Militärfestspiele. Vertreter von Armeen messen sich. Die Botschaft, die davon ausgeht, ist mehr als fragwürdig." Für ihn wäre die Bundeswehr in seiner aktiven Zeit nicht infrage gekommen, er legte großen Wert auf sein Studium.

Wolfgang Maennig will die Förderung nicht verurteilen, ihm geht es um den Bildungshintergrund der Athleten. "Ich vermisse ein systematisches Konzept mit Ausbildungspflicht für Sportsoldaten. Manche Athleten, die sich für viele Jahre verpflichten, lassen sich einlullen und stehen nach der Karriere vor dem beruflichen Nichts." Da helfe auch das sogenannte Berufsförderungswerk der Bundeswehr kaum. Er erwähnt einen erfolgreichen Sportler, der sich bei einem Minister als Fahrer andienen musste.

Nach Ansicht von Maennig könnten von vornherein jene Talente abgeschreckt werden, die neben dem Sport auch ein Studium absolvieren wollen, da sich der Eindruck verfestigen könne, sportlicher Erfolg sei nur mit Bundeswehrlogo möglich. Maennig formuliert die These, dass Lethargie im Alltag der Bundeswehr negative Folgen auf sportliche Leistungen haben könne. DOSB-Generaldirektor Michael Vesper hält das für "Unsinn. Unsere Sportsoldaten werden sehr wohl auf ihr berufliches Leben vorbereitet." Und auch Minister Guttenberg will keine "Belastung für Athleten" erkennen.

Eine empirische Studie, die berufliche Werdegänge von ehemaligen Sportsoldaten und Athleten ohne Bundeswehr-Sold vergleicht, könnte Antworten geben. Glaubt zumindest Dagmar Freitag, die Leiterin des Bundestags-Sportausschusses. Die Sozialdemokratin setzte sich vor Kurzem für einen Sportsoldaten aus Nordrhein-Westfalen ein. Der Leichtathlet studiert nun in Iserlohn, an einer Präsenz-Uni, die Bundeswehr habe das lange nicht gern gesehen, wegen der eingeschränkten Erreichbarkeit des Athleten. Sie habe maximal ein Fernstudium akzeptiert.

Anders als in den USA oder Großbritannien werden talentierte Sportler in Deutschland nicht mit teuren Stipendien an Universitäten gelockt. "Die Bundeswehr muss den Sportlern schon während ihrer aktiven Zeit einen beruflichen Lebensentwurf ermöglichen", sagt Freitag. Sie stand in einem intensiven Briefwechsel mit Franz Josef Jung (CDU), dem ehemaligen Verteidigungsminister. Auch Karl-Theodor zu Guttenberg will sie auf das Thema ansprechen.

Laut einer Studie der Deutschen Sporthochschule in Köln leben Athleten, die sich nicht verpflichten lassen wollen und stattdessen studieren, kaum über dem Niveau von Hartz IV. Ihr Durchschnittseinkommen: 626 Euro. Warum wird der Sold jener Sportsoldaten nicht abgestuft, die durch Sponsoren oder Siegprämien hohe Zusatzeinnahmen beziehen? Dagmar Freitag war in der vergangenen Woche mit Kollegen aus dem Sportausschuss nach Vancouver gereist. Sie wünscht sich eine breite Debatte über mögliche Änderungen des Systems. "Die Spitzensportförderung liegt nicht nur in der Verantwortung des Staates, sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe." Möglich wäre eine Umschichtung der Mittel auf die Stiftung Deutsche Sporthilfe, der jährlich zwölf Millionen Euro zur Verfügung stehen, für 3800 Sportler. Freitag plädiert auch für eine Anwerbung von Unternehmen, die sportgerechte Ausbildungsstellen anbieten. Dagegen hätte auch Verteidigungsminister Guttenberg nichts einzuwenden, doch der hat zurzeit ganz andere Sorgen.