Wolfgang Maennig ist einer der wenigen, die ein System hinterfragen, das nie hinterfragt wurde. "Der Sport möchte vom Staat immer unabhängig sein. Zum Beispiel im Anti-Doping-Kampf. Ausgerechnet bei Olympia will der Sport von dieser Autonomie wenig wissen." Maennig ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg. Er ist Gründungsmitglied der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Sportbundes. 1988 wurde er Olympiasieger im Rudern. Er überzeichnet die Winterspiele provokant als "Militärfestspiele. Vertreter von Armeen messen sich. Die Botschaft, die davon ausgeht, ist mehr als fragwürdig." Für ihn wäre die Bundeswehr in seiner aktiven Zeit nicht infrage gekommen, er legte großen Wert auf sein Studium.

Wolfgang Maennig will die Förderung nicht verurteilen, ihm geht es um den Bildungshintergrund der Athleten. "Ich vermisse ein systematisches Konzept mit Ausbildungspflicht für Sportsoldaten. Manche Athleten, die sich für viele Jahre verpflichten, lassen sich einlullen und stehen nach der Karriere vor dem beruflichen Nichts." Da helfe auch das sogenannte Berufsförderungswerk der Bundeswehr kaum. Er erwähnt einen erfolgreichen Sportler, der sich bei einem Minister als Fahrer andienen musste.

Nach Ansicht von Maennig könnten von vornherein jene Talente abgeschreckt werden, die neben dem Sport auch ein Studium absolvieren wollen, da sich der Eindruck verfestigen könne, sportlicher Erfolg sei nur mit Bundeswehrlogo möglich. Maennig formuliert die These, dass Lethargie im Alltag der Bundeswehr negative Folgen auf sportliche Leistungen haben könne. DOSB-Generaldirektor Michael Vesper hält das für "Unsinn. Unsere Sportsoldaten werden sehr wohl auf ihr berufliches Leben vorbereitet." Und auch Minister Guttenberg will keine "Belastung für Athleten" erkennen.

Eine empirische Studie, die berufliche Werdegänge von ehemaligen Sportsoldaten und Athleten ohne Bundeswehr-Sold vergleicht, könnte Antworten geben. Glaubt zumindest Dagmar Freitag, die Leiterin des Bundestags-Sportausschusses. Die Sozialdemokratin setzte sich vor Kurzem für einen Sportsoldaten aus Nordrhein-Westfalen ein. Der Leichtathlet studiert nun in Iserlohn, an einer Präsenz-Uni, die Bundeswehr habe das lange nicht gern gesehen, wegen der eingeschränkten Erreichbarkeit des Athleten. Sie habe maximal ein Fernstudium akzeptiert.

Anders als in den USA oder Großbritannien werden talentierte Sportler in Deutschland nicht mit teuren Stipendien an Universitäten gelockt. "Die Bundeswehr muss den Sportlern schon während ihrer aktiven Zeit einen beruflichen Lebensentwurf ermöglichen", sagt Freitag. Sie stand in einem intensiven Briefwechsel mit Franz Josef Jung (CDU), dem ehemaligen Verteidigungsminister. Auch Karl-Theodor zu Guttenberg will sie auf das Thema ansprechen.

Laut einer Studie der Deutschen Sporthochschule in Köln leben Athleten, die sich nicht verpflichten lassen wollen und stattdessen studieren, kaum über dem Niveau von Hartz IV. Ihr Durchschnittseinkommen: 626 Euro. Warum wird der Sold jener Sportsoldaten nicht abgestuft, die durch Sponsoren oder Siegprämien hohe Zusatzeinnahmen beziehen? Dagmar Freitag war in der vergangenen Woche mit Kollegen aus dem Sportausschuss nach Vancouver gereist. Sie wünscht sich eine breite Debatte über mögliche Änderungen des Systems. "Die Spitzensportförderung liegt nicht nur in der Verantwortung des Staates, sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe." Möglich wäre eine Umschichtung der Mittel auf die Stiftung Deutsche Sporthilfe, der jährlich zwölf Millionen Euro zur Verfügung stehen, für 3800 Sportler. Freitag plädiert auch für eine Anwerbung von Unternehmen, die sportgerechte Ausbildungsstellen anbieten. Dagegen hätte auch Verteidigungsminister Guttenberg nichts einzuwenden, doch der hat zurzeit ganz andere Sorgen.