Wo schreien sich koreanische Mädchen die Lungen wund? Wo laufen Männer in goldenen Ganzkörperkondomen herum? Und was ist so crazy, dass dort und nur dort sogar die Briten eine Goldmedaille gewinnen können?

Richtig: Skeleton.

Eine Brite hat's ja auch erfunden, der Major W. H. Bulpetts, der 1884 zwischen St. Moritz und Celerina eine Eisrennbahn baute, auf der drei Jahre später es zum ersten Mal jemand wagte, mit dem Kopf voran hinabzujagen. Und noch ein Engländer, L.P. Child, tauchte 1892 mit einem tiefergelegten Metall-Schlitten auf, der ans menschliche Skelett erinnerte - jetzt war die Sportart komplett und hat sich seither nicht wesentlich verändert.

Noch immer stürzen sich Männer und Frauen, die wahrscheinlich nicht mal vor dem Jüngsten Gericht Respekt haben, mit mehr als 140 Sachen, Kopf voran, auf einem besseren Bügelbrett mit Griffen dran einen Eiskanal hinab. Den Gebissschutz aus Plastik, den sie alle nach dem Rennen aus dem Mund würgen wie eine Eule das Gewölle, können sie dabei eigentlich nur aus psychologischen Gründen tragen: Wer bei dem Tempo mit den Zähnen irgendwo anschlägt, muss ohnehin erstmal über den Tropf ernährt werden.

Das Ganze sieht so verrückt aus wie es klingt: Wie Kaulquappen liegen die Athleten auf dem Schlitten, das dicke Ende ist der Integralhelm, auf den sie dann doch nicht verzichten wollen, und hinten wackelt die Kaulquappe mit dem Schwanz - das sind die Beine des Fahrers, die mehr oder weniger verzweifelt zappelnd versuchen, dem ganzen Irrsinn eine Richtung zu geben.

Weil man auf dem Bauch liegend selbst nach der Zieldurchfahrt nicht vernünftig bremsen kann, liegt am Ende der Bahn eine Art Teppich, in den die Fahrer hineintrudeln. Nur die, die sich offenbar vor den weit verbreiteten kanadischen Bettwanzen fürchten, versuchen ihren Schlitten mit allerlei Verrenkungen vor dem Kontakt mit der Textilbremse zum Stehen zu bringen.   

Weil die Fliehkräfte gerade auf einer Bahn wie in Whistler immens sind, bekommen die Fahrer den Kopf kaum hoch zum Gucken. Knapp über dem Eis rast das Kinn dahin, kaum fünf Meter weit können die Athleten sehen, und wenn der Nacken müde wird, schauen manche von ihnen einfach nach unten und lassen's laufen. In der letzten, inzwischen berüchtigten 16. Kurve des Kurses, wo der georgische Rodler Norad Kumaritaschwili starb, knallt jeder, aber wirklich jeder Skeletonista mit der rechten Schulter voran in die Bande, der eine mehr, der andere weniger. Das Publikum kommt kaum nach mit den langgezogenen Stöhnlauten, die jeden Beinahecrash begleiten.   

Der Deutsche Michi Halilovic treibt es im dritten von vier Läufen am dollsten, im Ziel kippt er vom Schlitten, klopft sich mit wiederholten Faustschlägen die von Urkräften zusammengepresste Brust wieder in Form, nun sitzt die Kaulquappe auf dem Trockenen und ringt um Luft. Dass Halilovic zum 4. Lauf wieder antritt, versteht sich von selbst; die Skeleton-Fahrer sind ein wildes Volk.