"Amerell vs. Kempter" – so titeln die Gazetten des Landes in lakonischer Knappheit den Konflikt zwischen DFB-Funktionär Manfred Amerell und Bundesliga-Schiedsrichter Michael Kempter. Als ginge es um ein Box-Duell. Nur einer kann gewinnen – diese Botschaft klingt im Subtext mit. Sie ist symptomatisch für die raue Welt des Fußballs, in der Tugenden wie Härte, Robustheit und Siegeswillen dominant sind.

Die schmutzige Schlammschlacht wirft ein Schlaglicht auf Homosexualität im Fußball. Noch immer ist es ein Tabuthema. Keiner traut sich, offen darüber zu reden. Schwul zu sein gilt als Fauxpas, als No-go, als etwas absolut Undenkbares.

Es ist schon ein wenig grotesk: Da regieren in Berlin und Hamburg zwei bekennende homosexuelle Oberbürgermeister, erfolgreiche Entertainer wie Hape Kerkeling stehen zu ihrer Neigung, und auch Vizekanzler Guido Westerwelle ist schwul. Die sexuelle Vorliebe wird ihnen nicht als Malus attestiert, ganz im Gegenteil: Das öffentliche Bekenntnis von Klaus Wowereit etwa machte ihn zu einem populären Politiker der Berliner Bühne. Was er beruflich und privat tut, wird stets getrennt. Dieser Umgang zeugt nicht nur von politischem Feingespür, sondern auch von einem egalitären Geschlechterverständnis, wie es einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft angemessen ist.

In Deutschland sind gleichgeschlechtliche Ehen gesetzlich anerkannt und heterosexuellen Lebensgemeinschaften gleichgestellt (Ausnahme: Adoption). Auch gesellschaftlich findet Homosexualität Akzeptanz. Freilich gibt es hie und da konservative Flecken auf der Landkarte, wo gleichgeschlechtliche Partnerschaften (noch) auf Vorbehalte stoßen. Generell ist aber zu konstatieren, dass das Thema offen angegangen wird und längst nicht mehr den "Igitt-Stempel" an sich trägt, wie es vor Jahrzehnten noch der Fall war.

Umso mehr verwundert es, dass Homosexualität im Fußball des 21. Jahrhunderts tabuisiert, ja skandalisiert wird. Woher rührt die ablehnende, mancherorts zum Teil feindliche Haltung gegenüber Schwulen?

In erster Linie hängt es damit zusammen, dass in den Fußballstadien der Republik andere Gesetze herrschen. Das mag floskelhaft klingen – es ist aber soziologisch belegt, dass in der Welt des runden Leders eigene Codes herrschen, spezielle Umgangsformen, die jeder gesellschaftlichen Gruppe zu eigen sind. Und in der Gruppe Fußball wird das Attribut Schwulsein als Stigma benutzt, um andere zu diffamieren. Man stellt es auf eine Ebene des Ruchbaren – auch um sich davon abzugrenzen.

Wenn Sprechchöre wie "Schwule Sau", herausgegrölt aus Tausenden Kehlen, durchs Stadion hallen, tritt ein Peinigungseffekt ein, der dem Betroffenen Schamgefühle suggerieren soll. Eine bizarre Erziehungsmaßnahme, mit der infamen Botschaft: "Bist du schwul, bist du pfui!" Der Torwart, der mit einem rosafarbenen Trikot aufläuft, muss sich Skandierungen wie "Da steht ein Schwuler im Tor!" gefallen lassen.