Welches war nun DER Moment der 21. Olympischen Winterspiele? Als sich bei der Schlussfeier alle Zuschauer zu Ehren des toten Rodlers Nodar Kumaritaschwili erheben? Als wenig später Käpt’n Kirk leibhaftig als William Shatner im Stadion landet und sagt, "ich bin stolz darauf, ein Kanadier zu sein; wir träumen groß und wissen, wie man Liebe in einem Kanu macht"? Als Sidney Crosby, der junge Star des kanadischen Eishockeyteams, in der 7. Minute der Verlängerung des Finales mit seinem Tor den Gastgebern ihre wichtigste Goldmedaille sichert? Als Anni Friesinger sich ins Finale schwimmt, obwohl ihre Sportart doch Eisschnelllauf heißt? Als der IOC-Präsident Jacques Rogge am Ende den Spielen in seiner unnachahmlich grauen Ärmelschonerart das Etikett "exzellent und sehr freundlich" verleiht? Oder ist es am Ende doch jene Nacht, in der der Skeleton-Olympiasieger Jon Montgomery mit einer Pudelmütze auf dem Kopf und einem Bier in der Hand durch Whistler paradiert und Olympia endgültig zur Straßenparty wird? Oderoderoder?

Es gehört zum Wesen einer solchen Supergroßveranstaltung, dass sie unzählige Geschichten produziert, darin besteht ihre Aufgabe. Allein die Schlussfeier wird wieder von einem telefonbuchdicken Ordner begleitet, der lauter Erklärungen enthält. Wo Kanada herkommt, was es ist, wo es hingeht. Nationalgeschichte als Show mit überlebensgroßen Bibern, Elchen, Ahornblättern, Pucks und den Rotröcken der Mounted Police. Eine Riesenparty unter dem Motto "O Canada", die drei kanadische Exportschlager feiern soll: Talent, Innovation und Humor.

Klar, das würde jede Nation gerne exportieren, aber die Kanadier beweisen gleich zu Beginn tatsächlich Selbstironie, als sie den Pfahl der Schande, der bei der Eröffnungsfeier den Dienst am olympischen Feuer versagte, mit 16-tägiger Verspätung unter großem Jubel von einem Clown hochziehen lassen. Und die Komödiantin Catherine O’Hara macht Curling-Witze.

Was war nun an diesen Spielen außer den Witzen ganz anders als an anderen? Dass die Gastgeber 14 Goldmedaillen gewannen – das hat noch keine Nation bei Winterspielen geschafft. Nun kann man die Medaillenzählerei für einen blöden Nationalchauvinismus halten, aber im Sport geht es nun mal ums Gewinnen. Die Kanadier haben es verstanden, alles Gold einzusacken, was sie nur kriegen konnten, und trotzdem wunderbare Gastgeber zu sein.

Wie das in jeder erdenklichen Form von Rot und Weiß angetretene Publikum beim Eishockeyfinale die Amerikaner beklatschte, obwohl sie den Einheimischen 24 Sekunden vor Schluss der regulären Spielzeit die Goldmedaille zunächst noch einmal wegschnappten, zeugte von wahrem Sportsgeist. Und der ist in einer Wirtschaftskrisenwelt, in dem jedem Land das eigene Defizit am nächsten ist, keineswegs selbstverständlich.

Klar, irgendwann konnte einem die Ahornblattsichtigkeit insbesondere der kanadischen Medien ganz schön auf den Keks gehen. Oft musste man lange suchen, um die 20-Zeiler über die Olympiasieger anderer Nationen zu finden. Und den Extra-Jubel fürs historische Eishockeygold auf Heimaterde bei der Schlussfeier hätten sie sich auch sparen können. Aber das Publikum bei den Wettkämpfen feierte noch den 102. Starter beim Slalom der Herren. Und am Ende war es sogar richtig anrührend, wie entspannt und fröhlich die Kanadier ihre neue Rolle als Sportgroßmacht annahmen. Auch nach dem deutschen WM-Sommermärchen war ja der Rest der Welt geradezu erleichtert, dass deutsche Fahnen überall wehen können, ohne dass man sich fürchten muss.

Es waren die ersten Spiele seit langer Zeit, die (noch) keinen Dopingfall zu vermelden hatten. Was das nun heißt? Sind die Sportler sauber oder einfach nur schlauer geworden? Die vielen tausend genommenen Proben werden eingefroren, aber ob sie auch jemals einem Nachtest unterzogen werden, wissen die Olympier allein. Auch manche Sieger von den stimmungsvollen Spielen in Sydney wurden erst Jahre später des Dopings überführt, und das nicht durch irgendwelche Proben, sondern durch Gerichtsprozesse.

Die deutschen Sportler haben in etwa so erfolgreich abgeschnitten wie vor vier Jahren in Turin (insgesamt eine Medaille mehr, dafür eine goldene weniger). Das ist bemerkenswert, denn andere Länder haben gerade in Vancouver erlebt, dass auch ganze Sportnationen einen Biorhythmus haben, in dem es mal rauf und runter geht. Sollte München den Zuschlag für die Spiele 2018 erhalten, wird das sicher noch einmal einen Schub für die deutsche Leibesertüchtigung bedeuten. In der Regel gibt es dann mehr Geld zur Förderung der Sportler aus öffentlichen und privaten Quellen, und ohne Geld gibt es im hochgerüsteten Spitzensport keine Gewinner.