Da rasen Einbeinige oder Beinamputierte und Querschnittgelähmte die Hänge hinunter, querschnittgelähmte Schlittenhockeycracks zaubern mit dem Puck, Blinde und Athleten ohne Arme schießen präzise auf Cent-große Scheiben und treffen besser als die deutschen Olympiabiathleten: Beeindruckende Leistungen und eine große Show! Gerade weil diese außerordentliche Leistungsgala Menschen mit körperlichen Behinderungen abliefern. Stolz können die Athleten auf ihre außergewöhnlichen Leistungen sein und wir darüber, dass wir solche Athleten haben. "Sie dokumentieren damit die Leistungsfähigkeit der Menschen mit Behinderung," so der Chef de Mission Karl Quade. So auch unser Bundespräsident Horst Köhler, der jährlich die behinderten Spitzensportler auszeichnet.

Letztlich können eigentlich alle zufrieden sein: die erfolgreichen Sportler selbst, die ihr Selbstbewusstsein und ihren Stolz zeigen, der erfolgreiche Behindertensportverband, der Staat, die Politik und die Wirtschaft, welche sponsert; und auch die Zuschauer, die das öffentliche und das eigene Interesse an den Behinderten dokumentiert und befriedigt sehen. Doch soll ein Zweifel formuliert werden: Sind diese behinderten Superathleten, diese "Artisten", ihre Karrieren, ihre Behinderungen und ihr Leistungsvermögen und auch ihre Anerkennung typisch für die Behinderten in Deutschland und deren gesellschaftliche Akzeptanz?

Zwei Dinge fallen auf: Es gewinnen fast immer dieselben, wenige schöpfen viel Ruhm ab.  Bei den deutschen "Legenden" im fortgeschrittenen Sportleralter (fast alle um die 40 Jahre herum) sind das zwischen 10 und 15 Goldmedaillen. Zumeist sind diese Sportler nicht mehr ganz junge Unfallopfer mit "nur" einer einseitigen körperlichen Beeinträchtigung (lediglich insgesamt 2,2 Prozent der Behinderten insgesamt sind Unfallopfer).

Zum andern sind es Menschen, die oft auch schon vor ihrer Sportlerkarriere erfolgreich in Beruf oder Studium waren (viele Studenten und Akademiker); eine leistungsfähige Elite, die gerade über das Besondere ihrer Höchstleistung öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung erlangt: sie schaffen weit mehr als ein Durchschnittsbürger und fast so viel wie nichtbehinderte Hochleistungssportler. Dies ist eine winzig kleine Gruppe innerhalb der großen Schar deutscher Behinderter, die absolut nicht repräsentativ für die Mehrheit der Jüngeren, zumeist Mehrfachbehinderten ist. Diese Gruppe hat kaum eine Chance mit ihrer Leistung der Öffentlichkeit und meist auch nicht dem sie umgebenden Personenkreis mit interessanten sportlichen oder sonstigen Leistungen zu imponieren.

Nimmt man die wissenschaftlich akzeptierte Definition von Behinderung  ernst – "die dauerhafte und gravierende  Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe einer Person" (Wikipedia), dann sind die Paralympiker eigentlich nicht behindert, denn ihnen gelingt ja gerade, trotz ihrer "nur" körperlichen und gut kompensierten Beeinträchtigung, genau diese soziale Teilhabe und Anerkennung, welche die meisten anderen Behinderten nicht haben.