Frage: Herr Hartwig , wann waren Sie zum ersten Mal Millionär?

Jimmy Hartwig: Mit 24. Da bin ich von 1860 München zum Hamburger SV gekommen. Plötzlich sah ich die Eins mit den vielen Nullen dahinter auf meinem Konto, und auf einmal gab’s wahnsinnig viele Leute, die mir auf die Schulter geklopft haben. Das hatte mir vorher so sehr gefehlt: nicht nur Geld, sondern Anerkennung.

Frage: Sie sind in Offenbach 1954 als unehelicher Sohn eines schwarzen GIs geboren, Ihren Vater haben Sie nur ein Mal kurz gesehen und Ihre Mutter musste als Arbeiterin die Familie alleine durchbringen.

Hartwig: Meine Mutter wollte ihren farbigen Jungen immer beschützen, aber sie konnte mir so wenig Anerkennung verschaffen wie meine Umgebung. Dabei ist das für einen Heranwachsenden das Wichtigste.

Frage: Sie sollen trotzdem immer schon eine große Klappe gehabt haben.

Hartwig: Weil ich mir damit Anerkennung herbeireden wollte. Ich habe immer Respekt und Liebe gesucht. Deswegen sind auch drei Ehen kaputtgegangen: Es war gar nicht so sehr der Sex, den ich in den Armen von Frauen gesucht habe, sondern Geborgenheit. Das Gefühl, als Mensch angenommen zu sein, selbst wenn ich mir das nur eingebildet habe, weil ein Mädel aus der Disco bloß den berühmten Fußballer im Bett haben wollte. An einem Punkt hat die Illusion aber nicht mehr funktioniert: beim Geld, das ich durch die angeblichen Freunde mit ihren Bauherrenmodellen verloren habe. Plötzlich bist du als Aufsteiger von ganz unten um deinen Lohn gebracht, du hast das Gefühl, die haben dir wieder einen Teil deines Lebens geraubt.

Frage: Heute spielen Sie auf der Bühne Shakespeare, Brecht und Büchner und lesen Heine. Waren Sie einst wirklich so naiv, irgendwelchen Leuten, die Sie kaum kannten, ein paar Millionen anzuvertrauen?

Hartwig: Schauen Sie sich den Fall des Hamburger Anlagebetrügers Harksen an, über den Dieter Wedel kürzlich einen Fernsehfilm gemacht hat. Ich kenne Doktoren, Professoren, Moderatoren, die haben dem alle ihr Geld nachgeschmissen. Natürlich ist das kein Trost. Deswegen habe ich zwei Selbstmordversuche gemacht. Das erste Mal bin ich nur mit Glück davongekommen, beim zweiten Versuch war ich Gott sei Dank so feige, nicht genug Tabletten zu schlucken. Danach kam der Krebs, und mit einem Schlag hat sich für mich alles, was nur äußerlich war, relativiert. Ich bin zwar ein Kämpfer geblieben, aber innerlich gelassener.

Der Lothar Matthäus muss immer noch die jungen Dinger flach legen
Hartwig hat Mitleid mit Lothar Matthäus

Frage: Sie hatten zwei Mal Krebs im Unterleib und zuletzt einen Tumor im Kopf.

Hartwig: Ich habe den Krebs mit allen Ängsten, Chemotherapien und Schmerzen besiegt, weil ich ihn irgendwann auch angenommen habe. Wenn ich nur gegen ihn kämpfe, dann sterbe ich, denn er ist stärker als ich. Aber wenn wir uns jetzt gegenseitig in Ruhe lassen, dann haben wir hoffentlich noch ein paar gute Jahre zusammen.

Frage: Erinnern Sie sich noch an den 25. Mai 1983?

Hartwig: Das war … na klar, Athen, 21 Uhr 45, Hamburger SV gegen Juventus Turin , 1:0 durch Felix Magath, Sieg im Europapokal der Landesmeister.

Frage: Sie hatten die Rückennummer sechs beim HSV, aber Sie waren nicht dabei.

Hartwig: Ich war nicht dabei, weil ich im Halbfinale gegen San Sebastián meine zweite Gelbe Karte bekommen habe. Von einem Schweizer Schiedsrichter wegen eines läppischen Tacklings, kein richtiges Foul, nada! Wir führten gegen die Spanier 2:1, es waren nur noch ein paar Minuten zu spielen und ich hatte großen Anteil daran, dass wir ins Finale kamen.

Frage: Wie ist dieses Gefühl, das Match seines Lebens durch einen einzigen falschen Moment zu verpassen?

Hartwig: Es ist, wie wenn du vor einer Frau vor tausend Leuten auf die Knie fällst, ihr einen Heiratsantrag machst und weißt, sie sagt Ja. Aber sie sagt Nein.

Frage: Möchte man den Schiedsrichter, wenn er zur verhängnisvollen Karte greift, am liebsten umbringen – und fleht ihn trotzdem noch an?

Hartwig: Ihn anzupacken wäre tödlich. Aber du redest mit Wut und Verzweiflung auf ihn ein, obwohl es völlig sinnlos ist. Das war wie bei Michael Ballack im Halbfinale der WM 2002. Schiedsrichter wissen in solchen Fällen genau, dass eine Karte für den Spieler jetzt eine Katastrophe ist. Die müssten menschlich viel mehr Fingerspitzengefühl haben.