Das Publikum war zu allem bereit. Es war nur nicht da. Nur drei Dutzend zahlende Zuschauer am Dienstag in Sofias Militärklub, in dem seit Sonnabend die Schachweltmeisterschaft ausgespielt wird. Auf der Bühne geht es um zwei Millionen Euro, im Saal um fünf. Denn soviel kostet umgerechnet eine Eintrittskarte.

Während der vergangenen WM in der Bundeskunsthalle in Bonn kostete die Karte 35 Euro, und an Besuchern fehlte es nicht. Und das, obwohl damals, im Herbst 2008, ein Russe und ein Inder im Scheinwerferlicht saßen, kein Deutscher.

In Sofia spielt ein Bulgare, Wesselin Topalov. Wesko, der Volksheld, will Vishy, den Inder Viswanathan Anand, vom Thron schubsen, und wo sind nun seine Leute? Sprechchöre sind zwar verboten, Trompeten eh, und alles Schlaggerät wird  bei der Einlasskontrolle vom Scanner des Militärklubs hoffentlich entdeckt – aber da sein ist doch erlaubt. Wo sind die schachbegeisterten bulgarischen Massen?

Silvio Danailov, Topalovs Manager, erklärt das Ausbleiben des lokalen Publikums mit der Mentalität seiner Landsleute. "Wir sind Slawen", sagt er. "Wir sitzen nicht zwei, drei Stunden herum. Wir gehen raus in die Gärten, das Wetter ist schön."

Stimmt. Der Dienstag war der heißeste Tag der Schachweltmeisterschaft, celsiusmäßig. Draußen scheint die Sonne, es sprießt alles, während drinnen schwer gegrübelt wird. Glaubt man Topalovs Manager, setzen sich die bulgarischen Schachfreunde nach Einbruch der Dämmerung an den Computer oder vor den Fernseher und gucken, was der Tag an Zügen und Punkten gebracht hat.

Der Dienstag brachte 46 Züge, aber nur einen halben Punkt. Topalov mit Weiß gelang es nicht, aus der Eröffnung, einem slawischen (!) Damengambit, einen verwertbaren Vorteil herauszuholen. Zwar hatte er seine beiden äußersten Bauern links und rechts bis auf die fünfte Reihe vorgeschoben, als wollte er in einer großen Zangenbewegung nach Anand greifen, doch den Tiger von Madras bekümmerte das wenig. Im Mittelspiel stand er zeitweise nur auf zwei Reihen, aber fest.

Gemächlich zog er seinen Damenläufer im Kreis von c8 nach f5, g6, h7, g8, f7, e8, d7 und b5, dann wurde er abgetauscht. Das war fast wie Kinderkarussell. Und Topalov musste sich das mitansehen. Es mochte sich anfühlen, als säße der frühere Weltmeister Vladimir Kramnik ihm gegenüber, der ihn mit seinem Passivschach immer so gequält hat. (Und, um ehrlich zu sein: nicht nur ihn, auch das Publikum.)

Am Schluss wiederholten beide Spieler die Züge, konnten sich aber nicht auf ein Remis einigen, weil Topalov mit Anand ja nicht spricht. So mussten die Schiedsrichter herbeischlurfen und den Kinderkram beenden.

Am Mittwoch geht’s weiter, Anand mit Weiß. Da ihm ein Punktegleichstand nicht reicht, um Weltmeister zu bleiben, könnte er einen zweiten Versuch unternehmen, zu gewinnen. In Führung zu gehen, das wäre doch was.