Was für eine Schachweltmeisterschaft! Die Statistiker müssen jetzt in den Archiven wühlen, ob es je so einen Start gegeben hat. Drei der ersten vier Partien endeten mit Sieg und Niederlage; nur eine endete unentschieden, das war am Dienstag. Dieses Remis wurde im weltweiten Besserwisserweb von Experten und Oberexperten schnell als öde wegsortiert. Das harsche Urteil mag zu tun haben mit der Art und Weise, wie man die Partie miterlebt. Wer hier in Sofia im Spielsaal sitzt in Dunkelheit und Stille und dem Weltmeister Viswanathan Anand und seinem Herausforderer Wesselin Topalov über Stunden beim Gedankenkampf zusieht, der nimmt andere Dinge wahr als jene, die auf allen Kontinenten vor ihren Bildschirmen sitzen und sich von gleich mehreren Großmeistern das Geschehen erklären lassen und überdies ihre analysierenden Schachprogramme zugeschaltet haben.

Keinen Kommentar hört man in dem prunkvollen Saal des Zentralen Militärklubs in Sofia. Kein Handy, kein iPhone, kein Laptop darf mit hinein und würde angeblich auch nicht funktionieren, weil ein Störsender allen Funkverkehr unterbindet. Kaum sind die ersten fünf Minuten vorbei, in denen die Fotografen wie wild blitzen, zieht sich eine halbdurchsichtige Gaze von rechts nach links zwischen das Publikum und den Schachtisch, und das Licht im Saal erlischt.

Aus dem Saal kann man die Bühne noch sehen, wenn auch etwas verschwommen, von der Bühne aus sieht man nichts mehr. Die Spieler sollen ohne jede Störung bleiben; sie sollen ihren Kampf austragen.

Die erste Partie ging im Hoppla-Hopp-Stil an Topalov, die zweite subtil durchtrieben an Anand; beide gewannen mit Weiß. In der dritten Partie musste es dem Weltmeister mit Schwarz darum gehen, die Serie zu durchbrechen. Ein Remis genügte ihm dazu, und es spricht für sein Können und seine Raffinesse, dass er zum Ausbremsen des wilden Angreifers Topalov ausgerechnet eine Variante wählte, mit welcher der vorherige Weltmeister Vladimir Kramnik schon Topalov hatte auflaufen lassen – vor vier Jahren beim WM-Kampf im russischen Elista.

"Eine Partie, die die Welt nicht gebraucht hätte", zürnte der Internationale Meister Ilja Schneider Mittwoch früh in seinem Schachwoche-Blog und verpasste dem so ungerührt betonierenden Weltmeister zum Dank gleich einen neuen Spitznamen: Wishladimir Anandnik.

Spaß muss sein. Aber an Ort und Stelle, wenige Meter von dem Brett, auf dem wirklich Figuren bewegt und geschlagen werden, fühlte sich die Sache anders an. Anand hatte eine turniertaktische Aufgabe zu lösen, und er löste sie bravourös. Das Ergebnis stimmt, er hat mit Schwarz standgehalten, und gerade sein Wurschtelschach auf zwei Reihen mit millimeterweisen Läuferzügen war Topalov gegenüber die reinste Provokation. Jede andere Spielanlage wäre demgegenüber riskant gewesen. Anand will ja nicht nur Budenzauber, er will den Titel und das Geld.

Nun öffneten sich am Mittwochnachmittag die Türen zur vierten Runde. Schon deutlich vor drei saßen die beiden Gegner am Brett und erduldeten sichtlich widerwillig das Verstreichen der letzten Minuten. Die Nervosität war ihnen anzumerken. Diesmal gab es eine kurze Begrüßung des Publikums durch die Veranstalter, man hat offenbar aus der Kritik an der völligen Formlosigkeit der ersten Tage gelernt. Dies ist insofern erstaunlich, als der Mitorganisator Silvio Danailov das Hemdsärmlige noch am Dienstag im Interview als "bulgarian style" gepriesen hatte: "Wir halten nicht gern lange Reden."