Was wäre eine Weltmeisterschaft ohne die Fans! Unvergessen sind die bildschönen Schwedinnen, die vor vier Jahren während der Fußball-WM strahlend durch Berlin zogen, neben ihnen ihre torkelnden Freunde, deren Spielzeit schon ziemlich abgelaufen war. Wie gern hätte man Agnita oder Liv in ein Gespräch verwickelt und sich mal ihre Flagge zeigen lassen. Verpasste Chance! Jedes große Sportereignis hat seine kleinen Nebenereignisse – oder auch nicht.

Wie sieht das beim Schach aus? Drei Wochen WM in Sofia zur herrlichsten Jahreszeit, eine tolle Stadt, blauer Himmel, alles blüht – sind die Straßen voll mit euphorischen Indern, die "Anand, Anand!" rufen oder mit trauertrunkenen Bulgaren, die wegen Topalovs Rückstand jetzt zur Verbrüderung bereit wären, getreu dem lateinischen Motto des Weltschachverbandes: Gens una sumus – wir sind alle eins?

Nein. In der Ankunftshalle des Flughafens hängen unübersehbare Plakate von der Decke herab, in der Straße vor dem Militärklub sieht man auch Werbung, aber gruppenweise umherstreifende Schachtouristen gibt es nirgends. Am Mittwoch waren so wenige Zuschauer im Spielsaal, dass man sie mühelos zählen konnte. Die Schachverrückten unter den 1,2 Milliarden Indern, den 7,6 Millionen Bulgaren, wo sind sie?

Zu Hause vor den Bildschirmen. Traurig ist das. Was bekommen sie mit von der Atmosphäre des Zweikampfes, welche Gelegenheiten entgehen ihnen, Gleichgesinnte zu treffen? Selbst von den 200 akkreditierten Journalisten gehen die jeweils anwesenden kaum je in den Spielsaal. Sie hocken meist im Presseraum vor einer Wandprojektion, links das Stellungsdiagramm, rechts eine verwischte Videoübertragung der Spieler, aus den Lautsprechern undeutlich der Internet-Kommentar der unsichtbar nebenan sitzenden Großmeister und auf den Tischen all die Laptops mit den Analyseprogrammen.

War das im Schach früher anders, und ist das durch das Netz und die Computer so gekommen? Oder entwickelt sich Schach nur ganz langsam zur Erlebnissportart, und man ist einfach noch nicht so weit? Silvio Danailov, Vizepräsident des bulgarischen Schachverbands, Mitveranstalter der WM und zugleich Topalovs Manager, möchte das Schach populärer machen, und er orientiert sich in vielem am Fußball. So glaubt er zum Beispiel, dass es dem Schach hilft, wenn die Schiedsrichter eine größere Rolle spielen. "Die tun ja sehr wenig." Aber im Fußball regen sich doch alle immer über die Schiedsrichter auf? "Ja, aber das ist gut."