Mit einem Volltreffer hat die Schachweltmeisterschaft am Sonnabend in Sofia begonnen. In der ersten Partie des auf zwölf Runden angesetzten Duells schlug der bulgarische Herausforderer Wesselin Topalov den amtierenden Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien auf eindrucksvolle Weise.

Bei nachmittäglichem Nieselregen fanden sich die Akteure und etliche hundert Zuschauer im Militärklub im Zentrum der Stadt ein, einem historischen Gebäude, das seit seiner Renovierung auch an trüben Tagen rühreigelb leuchtet. Den ersten Zug führte der bulgarische Premierminister Bojko Metodiev Borissov aus. Es war der Doppelschritt des Damenbauern, 1. d4, Topalov hatte Weiß.

Es hatte zuvor keine Begrüßung gegeben, keine Rede, nicht einmal ein Hallo, der Inder huschte in letzter Minute auf die Bühne, gab dem schon seit zehn Minuten ungeduldig herumwartenden Bulgaren kurz die Hand und widmete sich dann dem Partieformular, auf dem jeder Zug einzutragen ist.

Kurioses Highlight des vielleicht formlosesten Starts einer Schachweltmeisterschaft war ein schwarzer Bodybuilder , der in T-Shirt und Shorts plötzlich am Ministerpräsidenten vorbei auf die Bühne eilte und den Spielern "Vesko" und "Vishy" mal kurz guten Tag sagen wollte. Er immerhin winkte ins Publikum, das diese Geste dankbar aufnahm, wenn es auch nur nur rätseln konnte, wer dieser Mensch war. Später wurde er als Ronnie Coleman identifiziert, ein amerikanisches Kraftpaket, von dem es im Internet eindrucksvolle Fotos gibt. Er hatte wohl in Sofia zu tun.

Schwarze Stärke – Anand hätte sie gebrauchen können. Der Inder verteidigte sich Grünfeld-Indisch, ein dynamischer Aufbau, sehr ästhetisch, aber auch voller struktureller Risiken. Wenn das schwarze Figurenspiel nicht verfängt, kommen die weißen Zentrumsbauern schnell ins Rollen – und dann gute Nacht Vishy.

Vesko ließ Vishy nicht zu Gegenchancen kommen. Schon nach wenigen Zügen gab der Bulgare einen Bauern; dafür bekam er eine aktive Position: Nicht nur blieben Anands Damenturm und Damenläufer auf ihren Ausgangsfeldern stehen und sein Damenspringer strandete nach zwei Zügen wirkungslos am Außenrand – auch die schwarze Königsstellung wurde unter dem kraftvollen Angriff des Bulgaren immer windiger und löste sich schließlich in Luft auf. Topalov opferte seinen Königsspringer; der gegnerische König musste ihn fressen. Danach blieb Schwarz nur noch die Flucht mit dem blanken König übers freie Feld – zwei weiße Türme, ein Läufer und schließlich die Dame hinter ihm her. Im 30. Zug reichte der Weltmeister die Hand zur Aufgabe.

Das Publikum im großen Saal applaudierte; es gab Hochrufe. Topalov war schon vor diesem Kampf ein bulgarischer Nationalheld, mit seinem aggressiven Auftaktsieg schürt er die großen Erwartungen noch. Anand war bei der kurzen Pressekonferenz nach dem ersten Durchgang wortkarg – er habe einfach schlecht gespielt. Dies glaubte man ihm sofort, so gab es auch kaum noch weitere Fragen. Mit seiner tapfer lächelnden Gattin verließ der fürs erste geschlagene Meister die Stätte.

Dem Match tut so ein Start natürlich gut – denn nun muss Anand zurückschlagen, will er seinen Titel behaupten. Bedenklich ist allerdings, wie arg er sich hier hat vorführen lassen nach monatelanger Vorbereitung. Oder wirkt hier noch seine strapaziöse Anreise nach, von Deutschland aus in 40 Stunden durch fünf Länder, weil in Frankfurt isländische Asche seinen Flieger am Boden hielt?