Wladimir Kramnik hat die vergangene WM gegen Viswanathan Anand glatt verloren. Zuvor spielte er einen Titelkampf gegen den aktuellen WM-Herausforderer Wesselin Topalov. Der Russe ist Weltranglistendritter und führte das folgende Gespräch während der neunten WM-Partie zwischen Anand und Topalov von Paris aus.

ZEIT ONLINE: Herr Kramnik , mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die laufende WM?

Wladimir Kramnik: Da werden schöne Erinnerungen wach. Sie spielen die Variante, mit der ich bei der WM gegen Kasparow meinen zweiten Sieg holte – damals die Vorentscheidung.

ZEIT ONLINE: Das ist zehn Jahre her. Wer hat heute anders gespielt als Sie und Kasparow damals?

Kramnik:Anand hat im 13. Zug den Läufer nach d3 gezogen. Ich habe damals die Dame nach b3 gestellt. Inzwischen soll das bis zum Remis ausanalysiert sein. Vor zehn Jahren waren die Computer noch nicht so rechenstark wie heute. Dieses Match ist sehr interessant für mich. Fast in jeder Partie kommt eine Eröffnung aus meinem Repertoire aufs Brett. Ich fühle mich geschmeichelt, dass meine Ideen von beiden Spielern gewürdigt werden.

ZEIT ONLINE: Vor allem Anand kopiert bei dieser WM Ihre Systeme. Mit Weiß hat er viermal Katalanisch gespielt. Eine Überraschung für Sie?

Kramnik: Es ist eine logische Wahl. Topalov hatte bisher kein gutes Ergebnis gegen Katalanisch. Zumindest statistisch war diese Eröffnung sein schwacher Punkt. Es ist wie im Tennis. Wenn der Gegner schwach am Netz ist, versucht man, ihn dorthin zu locken. Diese Strategie war eigentlich leicht vorhersehbar, aber für Anand hat sie funktioniert. Mit Katalanisch hat er seine beiden Siege geholt.

ZEIT ONLINE: Topalov schien nicht darauf vorbereitet.

Kramnik: Das glaube ich nicht. Die Eröffnungsvorbereitung ist Topalovs größte Stärke. Auch in diesem Match zeigt er insgesamt die bessere Vorbereitung. Dafür spielt Anand ein bisschen stärker. Darum ist der Wettkampf sehr ausgeglichen.

ZEIT ONLINE: Für Schwarz hat sich Anand eine seltene Variante im Slawischen Damengambit von Ihnen abgeguckt und schon dreimal gespielt.

Kramnik: Das ist eine Erfindung von mir, die seitdem ziemlich in Mode ist. Es macht nicht viel Sinn, die Variante in einem Turnier zu spielen, weil man praktisch keine Gewinnchancen damit kriegt. Aber man hat sehr große Chancen auf Remis. Das ist eine typische Strategie für Schwarz in einem WM-Kampf, und darum ist es eine typische WM-Eröffnung.