Früher, als DFB-Werbeträger, war Kevin Kuranyi noch der Liebling der Süßwarenindustrie. Doch in den Sammelbildchen zur WM 2010, die auf Haselnusstafeln stecken und die längste Praline der Welt verhüllen, sucht man den Schalker Stürmer vergeblich.

Nun hat sich auch Joachim Löw entschieden. Kevin Kuranyi wird nicht mit zur WM nach Südafrika fahren. "Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir taktisch und personell andere Vorstellungen haben", sagte Löw. Es ist eine mutige Entscheidung. Ob sie richtig ist oder nicht, wird sich erst in Südafrika zeigen, sie ist aber verständlich.

Dabei hat Jogi Löw Glück gehabt, es hätte auch anders kommen können. Hätte Kevin Kuranyi nicht vor vier Spieltagen das Toreschießen eingestellt oder wäre Schalke gar Meister geworden – es hätte eng werden können für den Bundestrainer. Inmitten der königsblauen Jubelorgie hätte Löw Kuranyi wohl mit zur WM nehmen müssen. Dort hätte Kuranyi dann auf der Ersatzbank gesessen und Löw dem Druck einen wertvollen Kaderplatz geopfert.

So aber musste Kuranyi in den vergangenen Wochen seinen Namen wieder öfter im Zusammenhang mit dem Adjektiv "unglücklich" lesen. Statt ihm trafen in der wichtigsten Phase der Saison Stefan Kießling und Thomas Müller. Für Jogi Löw also der perfekte Zeitpunkt, den Schalker Stürmer endgültig auszuladen und die aufgeregte Debatte über die Qualitäten und Nicht-Qualitäten des Kevin Kuranyi unaufgeregt zu Ende zu führen.

Kevin Kuranyi schießt viele Tore, achtzehn in dieser Spielzeit, er ist zweitbester deutscher Bundesliga-Torschütze. Wenn die Bälle konstant von links und rechts in den Strafraum fliegen, gibt es in diesem Land wohl keinen Besseren. Das weiß auch Jogi Löw. Nur wird der bei der WM einen anderen Fußball spielen lassen. Einen Fußball, für den Kopfballtore gegen Hertha BSC nicht ausreichen.

Den Vorwurf, spielerisch limitiert zu sein, konnte Kuranyi trotz seiner Tore auch in diesem Jahr nicht widerlegen. Das offensivstarke DFB-Mittelfeld mit Özil, Marin oder Müller wird immer wieder den spielerischen Kontakt mit den Stürmern suchen, ein Stilmittel für das beispielsweise Kießling und Cacau geeigneter scheinen.

Löw setzt zudem auf die DFB-Veteranen Klose und Podolski. Die haben – im Gegensatz zu Kuranyi – im Nationalelf-Trikot die besten Spiele ihrer Karriere abgeliefert. Besonders Podolski wird seine Nominierung auch dem Geist des Sommermärchens 2006 zu verdanken haben, dessen unbeschwerte Atmosphäre man zumindest teilweise ins winterliche Südafrika zu exportieren versuchen wird.

Bleibt Mario Gomez, der sich vielleicht am ehesten vor Kevin Kuranyi fürchten hätte müssen. Ein ähnlicher Spielertyp, nur momentan erfolgloser. Momentan. Mario Gomez ist der deutsche Stürmer mit dem größten Potenzial. Den 24-jährigen Gomez jetzt für den vier Jahre älteren Kuranyi zu Hause zu lassen, wäre nicht nur fürchterlich für die persönliche Entwicklung des Bayern-Stürmers, sondern auch für die Zukunft des DFB-Sturms.

Warum halten Löws Kritiker ihm vor, er nehme vorsätzlich schlechtere Spieler mit zur WM? Wer Löw Sturheit oder persönliche Animositäten vorwirft, verkennt dessen Professionalität. Es ist schließlich WM, an allzu vielen wird auch er nicht mehr teilnehmen.